Ist Weihnachten nicht immer da?

Vorarlberg / 28.11.2014 • 19:34 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Helmut Binder an der Orgel: Mit Gleichgesinnten musizieren, das ist das Größte.  Foto: Thomas Matt
Helmut Binder an der Orgel: Mit Gleichgesinnten musizieren, das ist das Größte. Foto: Thomas Matt

Der Organist Helmut Binder empfindet es als sein größtes Glück, dass er sich freuen kann.

Feldkirch. ™ Als hätten seine Finger ihren eigenen Kopf, gleiten sie mit traumwandlerischer Sicherheit über die Manuale der Orgel und ein weihnachtlicher Choral erfüllt die Kapelle des Landeskonservatoriums. „Es kommt ein Schiff geladen“ heißt eines jener uralten Lieder, die Helmut Binder so schätzt. Die berückend einfache Melodie wurde im Andernacher Gesangbuch 1608 niedergeschrieben. Der Text ist noch 100 Jahre älter. Er stammt aus Straßburg. Die Worte zeichnen Bilder: „Das Schiff geht still im Triebe/ es trägt ein teure Last/ das Segel ist die Liebe/ der Heilig Geist der Mast.“

Das Schiff ist Maria, die Last meint Christus. Dass die Liebe dem Gefährt die Segel bläht, dass Gott zu jeder Zeit und für jedermann erfahrbar wirkt, mit dieser Überzeugung fühlt sich Helmut Binder „unglaublich beschenkt“. Der 53-jährige Musikprofessor und Organist aus Bregenz sagt: „Ich bin ein weihnachtlicher Mensch.“ An den verträumten, romantischen Melodien der Weihnachtszeit vermag er sich gar nicht satt zu hören. Oh, er meint nicht „Jingle Bells und solches Gelump“. Die echten, volkstümlichen Melodien haben es ihm angetan, wie: „Es ist ein Ros entsprungen“ oder „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.“

„Gott ist längst da“

Diese Musik erzählt seit vielen hundert Jahren von der Ankunft des Gottessohnes in der Welt. Binder aber geht noch weiter: „Im Grunde ist der Advent jene Zeit im Jahr, in der man sich dessen bewusst werden kann, dass Gott eigentlich längst da ist. In jedem Menschen, der uns begegnet. Selbst in den Bettlern, wie sie jetzt wieder in den Innenstädten in den Straßen sitzen.“ Helmut Binder hat als vielfach preisgekrönter Organist Bach und Buxtehude, Brahms und Reger und zahlreiche zeitgenössische Komponisten im Repertoire. Aber vor allem ist er ein überaus freundlicher Mensch. Sein größtes Geschenk ist es, „dass ich mich freuen kann“. Mehr Glück als bei einem Solokonzert empfindet er, wenn er mit einem Schulchor Anton Heillers Adventsmusik „begleiten darf“. Mit Gleichgesinnten Musik machen, das ist das Größte.

Binder ist verheiratet und Vater zweier Söhne. David und Peter sind mit 18 und 15 Jahren der Kindheit entwachsen. Als sie noch klein waren, „habe ich mir die weihnachtlichen Gefühle meiner eigenen Kindheit zurückgeholt. Heute“, bekennt ihr Vater, „bin ich der Kindskopf daheim und freu mich an Krippe, Adventkranz und einem Christbaum mit echten Honigkerzen“.

Das klingt jetzt vielleicht arg idyllisch. Aber Binder meint es gar nicht so. „Eine funktionierende Familie ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit.“ Und der Wunsch nach reibungsfreien Beziehungen ist ohnedies „ein grober Unsinn“. Das gibt es nämlich nicht. „Wir stellen heute so hohe Ansprüche an den Partner“, dass sie niemand erfüllen kann. Aber Tragfähigkeit, die Konflikte aushält, die gibt es, und dafür ist er dankbar.

Wandern und Yoga

Wenn es die Zeit erlaubt, geht Binder in die Berge, um zu meditieren. Er wandert und klettert durch unwegsames Gelände. Seit Jahrzehnten betreibt er Yoga. „Darin habe ich rückwirkend viel vom christlichen Glauben verstanden.“ Das ungeteilte und vollkommene Gegenwärtigsein möchte er in seinem weiteren Leben immer mehr erlernen. Es bereichert ihn mehr, als es alle Weihnachtsgeschenke der Welt vermögen.

Im Yoga habe ich rückwirkend viel vom christlichen Glauben verstanden.

Helmut Binder