Offen für Überraschungen

Vorarlberg / 26.12.2014 • 19:09 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Rembrandt Harmensz van Rijn (1606-69), Simeon im Tempel (1669), Stockholm, Nationalmuseum
Rembrandt Harmensz van Rijn (1606-69), Simeon im Tempel (1669), Stockholm, Nationalmuseum

Das alte Kalenderjahr geht zu Ende und ein neues beginnt. Silvester Mitternacht – das Tor zum neuen Jahr öffnet sich, 2015 liegt vor uns – noch ebenso unüberschaubar in seinen Möglichkeiten, wie das Jahr 2014 unwiederbringlich und unabänderlich hinter uns sein wird.

Maß nehmen an den Propheten

In den Lesungen des morgigen Sonntags (Lk 2, 22-40) begegnen wir Maria und Josef mit ihrem neugeborenen Kind und hören den Lobpreis des Simeon und den Jubel der Hanna, zweier prophetischer Gestalten in hohem Alter. Propheten und Prophetinnen sind Menschen, die sehr gut wahrnehmen, sind Sucher der Spuren Gottes mitten im Leben der Menschen. Sie können diese Spuren in Worte fassen, darauf aufmerksam machen, wobei die Analyse der Gesellschaft und der Gegenwart wichtiger ist als ihre Ansagen für die Zukunft. Vorbildhaft an ihnen sind ihre Weise von Gott zu reden, ihre spirituelle Tiefe, ihre sprachliche Kraft sowie die Vielfalt ihrer Erfahrungswelt. Herausfordernd ist ihr Mut, Missstände zu benennen.

Warten, dass die Zeit wechseln sollte

Die schreckliche Nachricht der letzten Tage vom Kindermord in Peshawar, bei dem Stammeskrieger der Taliban muslimische Schulkinder gnadenlos erschossen und viele für ihr Leben traumatisiert haben, lässt fast daran verzweifeln, dass sich in dieser Gesellschaft noch etwas ändern würde. Es braucht eine Portion Mut und Vertrauen zu glauben, dass wir zur Beendigung dieser Schrecknisse beitragen können. Und es gibt einiges in unserer Welt und in unserem Leben, was Glauben, Hoffen und Warten als unsinnig erscheinen lässt. Warten – das widerspricht dem Trend der Zeit, der den Genuss „sofort“ verlangt, der schnelle Erfolgserlebnisse will, schnell austesten möchte, was etwas bringt oder nicht.

Zugänglich für den Geist Gottes

Der Bibeltext ist voller symbolischer Anspielungen und gibt einen Hinweis, dass sich Simeon und Hanna – vom Geist Gottes inspiriert – zur rechten Zeit an den rechten Ort begeben und im Jesuskind erkennen, was vor ihnen niemand in Worte gefasst hat. Sie sehen in Jesus mehr als das 40 Tage alte Kind. Sie erkennen in ihm das Heil, das Gott für alle Völker und Menschen will.

Vom alten Simeon wird gesagt, dass er gerecht und fromm war – sich in besonderer Weise um die Erfüllung der Weisungen Gottes für ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden bemühte. In heutiger Sprache würde man etwa sagen: Er war ein Mensch mit großer spiritueller Tiefe, der sich in Gott verwurzelt hatte und dabei in einem langen Leben weise geworden war. Er war ein Mensch, der das Warten durchgehalten hat; der sich von Enttäuschungen nicht entmutigen ließ; den die Widersprüche des Lebens nicht irre werden ließen. Er hatte gewartet, dass die Zeit wechseln sollte.

Auch Hanna war schon 84 Jahre alt, harrte im Tempel aus und wartete auf die Erlösung, ohne dabei nur an dem zu leiden, was noch nicht ist. Sie war eine Prophetin, eine Frau mit einer besonderen Einsicht in den Willen Gottes.

Beider Wahrnehmung war so geschärft, dass sie Gottes Absicht gegen den Augenschein zu erkennen vermochten. Sie ermutigen, auf Gottes Verheißungen zu vertrauen und auf Frieden und Gerechtigkeit auch dann zu hoffen, wenn die äußeren Umstände das Gegenteil ansagen. Wo solches Warten nicht nur am Unfrieden und an der Ungerechtigkeit leidet, sondern aus dem Glauben auch Kraft zum Handeln schöpft, dort ist es nicht ohne Wirkung.

Lobgesang des Simeon

Indem Simeon dieses Kind mit seinen Augen sieht und auf seinen Armen hält, ist er in eine nie gekannte Nähe zum „Heil“ gekommen, eine Wende in seinem Leben. Der Ausdruck „im Geist“ weist auf jenen außerordentlichen Zustand hin, in dem die Grenze des normalen Tagesbewusstseins gesprengt und darum auch eine außerordentliche Erkenntnismöglichkeit erschlossen ist. Und dieses Heil ist mehr als eine persönliche Angelegenheit, die nur ihn berührt. Er erkennt darin die Befreiung für alle Völker.

„Ich glaube auf meine Weise an Gott“, hört man hin und wieder Menschen vorsichtig sagen. Aber mit dem Göttlichen kann man es sich nicht in seinem eigenen kleinen Seelenleben gemütlich machen, als wäre es eine individuelle Wirklichkeit, von Mensch zu Mensch so verschieden wie Fingerabdrücke oder DNA-Profile.

Was Simeon von diesem „Heil“ aussagt, geht weit über das hinaus, was seine „Augen“ in diesem Augenblick zu sehen vermögen. Sein Lobgesang beginnt mit „Nun“ und hat in besonderer Weise mit der Zeit zu tun, mit einer Zeitenwende, in der ein Altes zu Ende geht und ein Neues anhebt.

Doch sind die Zeiten so ineinander verzahnt, dass das Neue in dem Alten vorbereitet, verheißen und erwartet ist. Und wenn der Wartende und die Wartende das „erkennen“, worauf sie gewartet haben, ist es ein wirklicher Einschnitt, in dem das Vergehende und das Kommende, Tod und Leben sich berühren.

Und heute?

Es gibt keine glatte Antwort, was das für uns heute bedeutet. Aber jede Geburt, jedes Weihnachtsfest hat neu etwas mit unseren ganz und gar menschlichen Wünschen und Hoffnungen zu tun, dass wir doch oft mehr wollen als ein schnelllebiges, vergängliches kleines Glück. Eugen Drewermann sagte zu dieser biblischen Erzählung: „Alles, was wahr ist, beginnt schon hier auf Erden. Alles, worauf wir zugehen in den Verheißungen Gottes, lebt schon heute in unseren Herzen, und Gott wird uns niemals wegschicken ohne die Bilder einer erfüllten Hoffnung.“ Lassen wir uns ermutigen von Hanna und Simeon, offen zu bleiben für die Überraschungen Gottes im Heute.

Dr. Karoline Artner, Werk der Frohbotschaft Batschuns

Rembrandt Harmensz van Rijn (1606–69), Simeon im Tempel (1669), Stockholm, Nationalmuseum
Rembrandt Harmensz van Rijn (1606–69), Simeon im Tempel (1669), Stockholm, Nationalmuseum