Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Holz vor der Hütte

07.01.2015 • 19:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Aus den Ferien im Ländle nach Wien zurückgekehrt, beschloss das Jungvolk, dass man ab nun daheim Vorarlbergerisch zu sprechen wünsche: So gut wie die Schauspieler im Ländle-Krimi „Alles Fleisch ist Gras“ könnten sie es nämlich scho lang, odr. Das stimmt. Die Mutter: feuchte Augen vor Glück über das völlig unerwartete Auftauchen von Xiberger Genmaterial im Nachwuchs-Genpool. Daran hatte man schon lange nicht mehr geglaubt, weil einen der Anblick der Nachwuchsbehausungen alle Tage jegliche Hoffnung fahren lässt.

Nun wurde also Vorarlbergerisch als neue Amtssprache eingeführt, ein hehrer Plan, der genau ein Viertel Abendessen lang durchgehalten wurde. Dann verfiel die Familie wieder in ihr übliches Idiom: die Mutter in ihre Mischung aus Wienerisch und irgendwas, versetzt mit ein paar Vorarlberger Kraft-Ausdrücken. (Weil es an Hura-Siach und a wüaschts Füdla im Wienerischen nun eben nicht gibt, wie soll man da vernünftig fluchen.) Während der Nachwuchs, kuckste mal, wieder dazu überging, das piefkischste Piefkinesisch zu sprechen, das nur denkbar ist, und das der Mutter alle Haare aufstellt. Red körig! Nix. Das Jungvolk spricht exakt so, wie es das von den YouTube-Stars lernt. YouTube ist sozusagen das neue Comix-Heftle, und ich weiß tatsächlich von Teenagern, die sich, von ihren Erzeugern vor die Städtereise-Wahl gestellt, gegen New York und für Köln entschieden, weil in Köln die Chance größer sei, einem wirklich interessanten Menschen über den Weg zu laufen, nämlich einem deutschen YouTube-Star: Taddl oder Ardy oder Y-Titty oder wie die heißen. Um an dieser Stelle einmal die Mutter-Mutter zu zitieren: Ich muss nicht alles wissen. Ich auch nicht.

Trotzdem haben die Herkunftsheimatferien Spuren hinterlassen. Zum Beispiel wird man sich nie mehr von der Holzstapel-Sichtung erholen, die man dort während eines Spaziergangs durch den Schnee gemacht hat. Bitte, man hat auch eine ländliche Waldviertler Teilzeitexistenz, und bitte, man heizt dort auch mit Holz. Man kocht dort sogar mit Holz, und man war bis zu besagtem Spaziergang der Meinung, man hätte nicht nur ordentlich Holz vor der Hütte, sondern das Holz auch ordentlich vor der Hütte. Schön aufgestapelt, eine stabile, kindersichere Wand aus hartem und weichem Holz, Scheit um Scheit sorgfältig und sicher verkeilt, alles nach Vorschrift. Dann sah man den Vorarlberger Holzstapel, mit nicht nur nach Holzsorten, sondern auch nach Durchmesser geordneten Scheiten unter einem herrlichen Unterstand, aus dem alle natürlich exakt gleich langen und penibel gerade abgefrästen Scheite genau zwei Zentimeter über die Zwischenwände hinausragten. Alle; so dass sie eine homogene, vollkommen ebene Fläche bildeten, wie mit der Schaltafel ausgerichtet. Boah. Nun kann man den eigenen Holzstoß nie mehr richtig liebhaben, dea wüascht Siach.

doris.knecht@vorarlbergernachrichten.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
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