Dramatische Stunden auf dem See

28.01.2015 • 20:03 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die MS Österreich mit dunkelgrauem Tarnanstrich am 18. Juni 1948.  
Die MS Österreich mit dunkelgrauem Tarnanstrich am 18. Juni 1948.  

In einer Nacht- und Nebelaktion haben mutige Seeleute vor
70 Jahren das MS Österreich gerettet.

Bregenz. Mit der „Österreich“ begann im Jahr 1928 das eigentliche Motorschiff-Zeitalter auf dem Bodensee, heute steht sie kurz vor der Verschrottung. Der „Freundeskreis zur Erhaltung des MS Österreich“ hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, das historische Schiff zu retten. Über 1000 Menschen haben in den vergangenen Wochen ihren Namen unter die Petition gesetzt. Dabei grenzt es an ein Wunder, dass das einstige Traumschiff heute überhaupt noch existiert.

25. April 1945: Das Ende des Zweiten Weltkriegs war nur noch eine Frage von Tagen, französische Kampftruppen hatten längst das Bodenseegebiet erreicht. Um zu verhindern, dass in sozusagen letzter Minute eine von der Lindauer Kreisleitung befohlene Versenkung der in Lindau und Bregenz vor Anker liegenden Schiffe erfolgen konnte, waren bereits geheime Verhandlungen zwischen einem Oberregierungsrat der Reichsbahndirektion Augsburg und der Schweizer Bundesbahn vorausgegangen, um bei höchster Gefahr die Schiffe heimlich in die neutrale Schweiz zu bringen.

Fluchtplan

In der Nacht zum 26. April wurde der bis ins Detail ausgearbeitete „Fluchtplan“ in die Tat umgesetzt. Im Schutz der Dunkelheit verließ ein grauer Konvoi von Bodenseeschiffen die Häfen von Bregenz und Lindau, um das sichere Schweizer Ufer anzusteuern. Für die großen Motorschiffe gab es schon lange keinen Dieseltreibstoff mehr, daher wurden sie von den Raddampfern ins Schlepptau genommen. Darunter auch die Österreich, die erst wenige Tage vom Kriegsdienst entlassen und nach Lindau überstellt worden war. Zuvor war das MS Österreich von der Deutschen Kriegsmarine als Ausbildungseinheit zur Erprobung neuer Torpedos verwendet worden und lag in der Fischbacher Bucht bei Friedrichshafen vor Anker. Auf dem Achterdeck des Schiffes war ein Torpedo-Rohrsatz montiert, Vorschiff und Oberdeck mit leichten Fliegerabwehrgeschützen bestückt. Gefahrvolle Momente hatte die Österreich während des verheerenden Großangriffs auf Friedrichshafen Ende April 1944 zu bestehen, als links und rechts Bomben in den See sausten und das Schiff sekundenlang von turmhohen Wasserfontänen zugedeckt wurde. Wie ein Zeitzeuge später berichtete, wurde die Österreich dabei wie eine Nussschale hin- und hergeworfen.

Insgesamt 46 Mann wurden aufgeboten, um unter Einsatz ihres Lebens zwölf Dampf- und Motorschiffe vor der drohenden Zerstörung zu retten. Die Besatzungen mussten anschließend mit dem Motorboot Reutin wieder nach Lindau zurückkehren. Wäre ihnen dieses Husarenstück misslungen, hätten ihnen standrechtliche Konsequenzen gedroht.