Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Wenigstens die ersten 1000 Mal

04.02.2015 • 17:50 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Es hört nicht auf. Offenbar hört es nie auf. Gut, selber schuld, man hätte den Kindern halt nicht die Smartphones abnehmen dürfen, es war klar, dass das einen gnadenlosen Rachefeldzug zur Folge haben würde. Aber es war nicht abzusehen, dass er mit solcher Brutalität und Erbarmungslosigkeit geführt werden würde. Es hört nicht auf: Sie hören wieder Bibi Blocksberg, ganz laut, auf der Kinderzimmer-Anlage. Bibi Blocksberg!!!

Man zieht sich also winselnd in die Küche zurück, macht die Tür zu, kocht etwas (möglicherweise ein weiterer strategischer Schachzug) und hört so laut FM4 wie es geht. Bibi Blocksberg!

Zwischendurch hören sie glücklicherweise immer noch „Harry Potter“, die CDs, die man ihnen geschenkt hat, nachdem sich alle Versuche, sie zum Lesen des Werks zu inspirieren, als unfruchtbar erwiesen haben. Man hat den ersten und den zweiten Band erworben, und hat den des Lesens seit Jahren mächtigen Kindern Abend für Abend daraus vorgelesen, um sie anzufixen, sozusagen. Sie fanden es großartig. Dann hat man nicht mehr vorgelesen, sondern die Bücher gut sichtbar und ganz geschmackig zwischen den Kinderbetten liegen gelassen, wo sie die nächsten drei Monate lagen, während die Kinder in ihren CDs kramten, und immer nur, genau, Bibi Blocksberg fanden.

Harry Rowohlts „Pu der Bär“, Elke Heidenreichs „Doktor Doolittle“, Gaul, alles o.k., alles auszuhalten, wenigstens die ersten tausend Mal. Aber Bibi Blocksberg … Nichts gegen Bibi Blocksberg als solches, es ist für Kinder schon o.k., aber auf Erwachsene hat die Hörspielfassung dieselbe Wirkung wie Pfeffer auf Hundenasen und auf Kolumnistinnen ganz speziell. Karla Kolumna??? Ich bitte euch! So ein unerträgliches, hysterisches Weib, eine Beleidigung für die Spezies.

Man hat die Bibi-Blocksberg-CD also bei nächster Gelegenheit versteckt, und das Harry-Potter-Experiment wiederholt: vorlesen, vorlesen, zum Lesen animieren. Mit demselben Ergebnis: Die Bücher lagen unberührt, wo sie abgelegt wurden, bis irgendwann die Kinderzimmer umgebaut wurden, seither stehen sie im Regal. Dafür fanden die Kinder bei dieser Gelegenheit die Bibi-Blocksberg-CDs wieder, und nach dem dritten Durchlauf gab man auf und kaufte resigniert die erste von mittlerweile sieben Harry-Potter-CD-Boxen. Das ist jetzt sechs Jahre her. Seither laufen diese CDs praktisch ununterbrochen, von früh bis spät, wann immer das Kindsvolk zu Hause ist. Allerdings hört man Rufus Beck sehr gerne zu, und man spricht auch gerne mit, denn das kann man mittlerweile auswendig. Vielleicht ist es ja egal, auf welche Weise gute Literatur in ein Kinderhirn gelangt. Das hofft man jedenfalls. Die Bibi-Blocksberg-CD aber fällt mir versehentlich in den Schredder, heute noch, bei der nächsten Gelegenheit.

Der Film „Gruber geht“ nach der Roman-Vorlage von Doris Knecht ist derzeit in den österreichischen Kinos zu sehen.

Und vielleicht ist es ja egal, auf welche Weise gute Literatur in ein Kinderhirn gelangt . . .

doris.knecht@vorarlbergernachrichten.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.