Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Das schaffen wir schon

04.03.2015 • 20:54 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Das ist mir zum Beispiel vorher nie aufgefallen. Die Wand hinter dem Mülleimer. Himmelherrgott, die Wand schaut ja furchtbar aus. Erbärmlich. Hat das letzte Woche auch schon so ausgeschaut?? Eine genauere Inspektion der Flecken (Was ist das, ist das gelber Schimmel? Und das da? War das mal Heidelbeermarmelade?) ergibt: Die müssen da schon sehr lange sein, jahrelang. Sind einem bisher nicht aufgefallen, nie. Und es gibt natürlich einen ganz eindeutigen Grund, wieso sie einem gerade jetzt auffallen. Die Eltern kommen.

Übernächste Woche kommen sie, sie kommen und bleiben drei Tage, schauen im Perfekte-Großeltern-Modus dankenswerterweise auf die Kinder, während man selbst dienstlich verreist. Was natürlich bedeutet, dass man sich nicht drei Tage lang dekorativ vor diese Wand stellen und solcherart lässig ihre eklatante Beflecktheit verdecken kann, „ach ich steh hier immer, ich lümmel hier gern so rum, das ist mein Lieblingsherumlümmelplatz, immer schon, molmol“.

Aber, wie gesagt, sie kommen ja erst übernächste Woche, bis dahin sollte es sich lockerst ausgehen, noch schnell die Küche neu auszumalen. Man hat ja sonst außer einer ziemlich notwendigen Großentrümpelung eigentlich nicht viel zu tun. Jetzt außer … Und außer … Und natürlich die Reisevorbereitungen. Kochen, Erwerbsarbeit, Zahnarzttermin, Elternsprechtag, Lesung, und dann ist da, glaube ich, noch eine Matheschularbeit. Oder war’s Französisch? Und das Leergut muss weg. Man hat aber doch noch irgendwo diese dunkelgrüne Tafelfarbe, irgendwo muss die sein, man hat die doch letztes Jahr einmal besorgt, um das Stück Wand neben der Wand hinter dem Mistkübel in eine Wandtafel für Wichtiges, Nötiges, Schularbeitentermine und andere Notizen zu verwandeln, da kann man doch die Mistkübelwand einfach noch mitnehmen, das geht doch schnell. Nicht dass man hinter dem Mistkübel jemals etwas notieren möchte, aber egal. Man weiß nie, ob man’s nicht doch einmal braucht. Irgendwann ist man vielleicht froh.

Es ist dann aber natürlich nicht nur die Wand. Es ist wie immer, bevor die ehemaligen Erziehungsberechtigten kommen: Plötzlich sieht man, wie schäbig alles ist. Wie unvorstellbar schmuddelig, zerkratzt, grindig und grundsätzlich renovierungsbedürftig. Plötzlich fragt man sich: Wie konnte man das all die Jahre übersehen?? Und wann hat man eigentlich zum letzten Mal aus dem Fenster geschaut? Da muss einem doch etwas aufgefallen sein?

Aber dann fällt einem etwas anderes auf: Man ist erwachsen, ziemlich sehr erwachsen sogar schon. Plus, man hat realistische Eltern, denen man eh nichts mehr vorzumachen braucht. Man hätte vielleicht nur nicht am Telefon permanent erzählen sollen, wie unglaublich ordentlich man jetzt geworden sei. Ach, zwei Wochen noch, das schaffen wir schon.

Man hat ja außer einer ziemlich notwendigen Großentrümpelung eigentlich nicht viel zu tun.

doris.knecht@vorarlbergernachrichten.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.