Es gibt kein Zurück für Ibrahim

Vorarlberg / 20.03.2015 • 22:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Treffen im Haus Schwarzmann: Angelika, Andrea, Ibrahim, Jodok und Erich diskutieren über die Abschiebepraxis in Österreich.  
Treffen im Haus Schwarzmann: Angelika, Andrea, Ibrahim, Jodok und Erich diskutieren über die Abschiebepraxis in Österreich.  

Ein Dorf lehnt sich auf und will die Abschiebung eines Flüchtlings verhindern.

Heidi Rinke-Jarosch

alberschwende. „Ich kann nicht zurück nach Ungarn.“ Die Erinnerung an das dort erlittene Martyrium versetzt Ibrahim in Angst. Der 23-jährige Flüchtling aus Syrien sitzt im Kreis der Familie Schwarzmann in der Veranda in deren Haus in Alberschwende. Auch der Dorfpfarrer Helmut Mathei hat sich dazugesellt.

Angelika Schwarzmann, Bürgermeisterin von Alberschwende, Tochter Andrea und Sohn Jodok erklären Ibrahim, was es mit dem Dublin-Abkommen auf sich hat. Erich Schwarzmann geht die Liste der Adressen durch, an die er sein Protestschreiben senden wird. Darin wehrt sich der Tierarzt im Namen von Alberschwender Bürgern gegen die Abschiebung von Flüchtlingen, die hier eine neue Heimat gefunden haben. Bundespräsident Heinz Fischer steht ganz oben. Dann folgen Minister, Landeshauptmann, Landesräte, Hilfsorganisationen, Medien, Flüchtlinge beherbergende Gemeinden und viele mehr.

Ein Dorf strengt sich an

„Der Bund trat mit der Bitte an die Gemeinden heran, Asylplätze zu schaffen“, steht in Erichs Schreiben. „Zahlreiche Gemeinden und Privatpersonen wurden aktiv und stellten Plätze zur Verfügung.“ Durch Alberschwende gehe eine Welle der Solidarität. Das Dorf wolle „ein positives Beispiel im leidigen Asylthema setzen“. Er schildert, wie die ersten Asylwerber angekommen und „offenherzig aufgenommen“ wurden. „Wir erkennen die Not, die Traumata, und wir realisieren Unmenschlichkeit und Willkür während der Flucht und die unsägliche Bürokratie.“ Das Bedürfnis, diesen Menschen Halt und damit wieder etwas Würde zu geben, sei groß, betont Erich und kommt schließlich auf unhaltbare Zustände in der Abschiebepraxis des Bundes im Rahmen des Dublin-Abkommens zu sprechen.

Ein Opfer ist Ibrahim. (Die VN berichteten bereits über ihn.) Er hatte Physik und Maschinenbau studiert und wollte nach Dresden, um dort Luftfahrttechnik zu studieren. Die Zusage hatte er bereits erhalten. Doch dann begann der Krieg. Und Ibrahim wurde kriegsverpflichtet. Er sollte Menschen töten. Das konnte er nicht. So brachte er seine Ehefrau in Sicherheit und flüchtete. Mithilfe eines Schlepperdienstes bekam er einen Platz auf einem Boot, das ihn Richtung Europa bringen sollte. Es strandete an einer griechischen Insel.

Nach Aufenthalten in Griechenland und Serbien, wo er nicht bleiben durfte, war Ungarn sein nächstes Ziel. Das Land gilt zwar als „sicherer Drittstaat“. Doch seit Viktor Orbán das Land regiert, häufen sich die Berichte von Misshandlungen an Flüchtlingen sowie von rechtsradikalen Übergriffen. Der Europäische Gerichtshof hat Ungarn schon mehrmals wegen systematischer Mängel verurteilt.

Ibrahim wurde dort „wie ein Verbrecher behandelt“. Bei der Ankunft hätten die Behörden ihn und 19 andere Flüchtlinge aufgefordert, ungarische Dokumente zu unterschreiben. Alle weigerten sich, worauf sie in einen drei Mal drei Meter großen Käfig gesperrt worden seien. Laut Ibrahim „ohne Essen, ohne Getränke“. Auch mit Schlägen sei nicht gegeizt worden.

Zermürbt durch die unmenschliche Behandlung, hat Ibrahim letztlich das Dokument unterzeichnet und flüchtete nach Österreich. Nach dem Erstaufenthalt in Auffanglager Traiskirchen wurde er der Gemeinde Albschwende zugeteilt.

Seinen Asylantrag hat das BFA (Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl) zurückgewiesen. Nach der Dublin-III-Verordnung muss er in jenes EU-Land zurückkehren, über das er in Österreich eingereist ist, und dort um Asyl ansuchen. Und das ist Ungarn.

Beschwerde beim BVwG

Nachdem vonseiten der Caritas Flüchtlingshilfe in Ibrahims Fall keine Rechtsberatung möglich zu sein schien, wendeten sich die Schwarzmanns an „Vindex – Schutz und Asyl“. Geschäftsführerin Eva Fahlbusch kontaktierte umgehend Michael Genner, den Obmann und Rechtsberater der Wiener Schwesternorganisation „Asyl in Not“, der sofort gegen den Abschiebebescheid Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht (BVwG)) eingereicht hat.

„Und was mache ich jetzt?“, fragt Ibrahim. „Warten“, sagt Jodok. Denn die Entscheidung über eine aufschiebende Wirkung liegt jetzt beim BVwG. Was sein Protestschreiben angeht, ist Erich „gespannt, was bewegt werden kann, wenn ein kleines Dorf im Bregenzerwald gegen die Obrigkeit motzt.“

Durch Alberschwende geht eine Welle der Solidarität.

Erich Schwarzmann
Treffen im Haus Schwarzmann: Angelika, Andrea, Ibrahim, Jodok und Erich diskutieren über die Abschiebepraxis in Österreich.  
Treffen im Haus Schwarzmann: Angelika, Andrea, Ibrahim, Jodok und Erich diskutieren über die Abschiebepraxis in Österreich.  

Dorf-Aktivitäten

» Sonntag, 22.3., 9 Uhr, Kirche: Pfarrer Peter Mathei lädt die Flüchtlinge zur Messe ein. Anschließend Agape mit feierlichem Beisammensein im Freien, bei schlechtem Wetter im Mesmers Stall.

» Mittwoch, 25.3., 20 Uhr, Mesmers Stall: Info-Abend zur Flüchtlingssituation in Alberschwende.

» Ostersonntag, 5.3., 10 – 13 Uhr, Mesmers Stall: Agape und Ausstellung von 4 jungen Künstlern.

Dublin-Abkommen: www.proasyl.de/de/themen/eu-recht/dublin-ii-verordnung/