„Wir Fraxner sind immer schon sehr visionär gewesen“

12.04.2015 • 16:45 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Als Leitspruch gilt Jungbürgermeister Steve Mayr ein Zitat von Abraham Lincoln: „Nur wer das Herz hat zu helfen, hat das Recht zu kritisieren.“ Fotos: MK
Als Leitspruch gilt Jungbürgermeister Steve Mayr ein Zitat von Abraham Lincoln: „Nur wer das Herz hat zu helfen, hat das Recht zu kritisieren.“ Fotos: MK

Frischer Wind im Rathaus: Fraxern hat mit Steve Mayr Jungbürgermeister bekommen.

Fraxern. Politik hat er bereits im jugendlichen Alter mit großem Interesse verfolgt. In der Folge landete der gelernte Anlagentechniker Steve Mayr bei der Jungen Volkspartei. Auch als Kandidat für den Vorarlberger Landtag machte Mayr im Vorfeld der Landtagswahlen von sich reden. Zuvor hatte sich der begeisterte Hobbykoch in seiner beschaulichen Heimatgemeinde Fraxern als Gemeindemandatar engagiert: 2005 kam er in die Gemeindevertretung und arbeitete die letzten fünf Jahre im Vorstand der Gemeinde mit. Seit wenigen Tagen führt Mayr im Nebenberuf die Geschicke der Kleinkommune als Jungbürgermeister. Er trat damit das Erbe von Reinhard Nachbaur als Gemeindechef der Vorderländer „Kriasigemeinde“ an. Die VN starten mit Steve Mayr eine Serie, in der alle neu gewählten Vorarlberger Gemeindeoberhäupter vorgestellt werden.

Herr Mayr, zunächst ein paar persönliche Fragen: Hatten Sie einen Traumberuf?

Mayr: Natürlich hatte ich das. Mein Traumberuf war der eines Landwirts. Auch der Beruf als Polizist hat mir als Kind gefallen. Schlussendlich bin ich Anlagenelektriker geworden. Dabei habe ich allerdings bereits während der Lehrzeit bemerkt, dass es nicht meine Welt ist, in einer Halle mit Maschinen zu stehen. Aus diesem Grund habe ich dann nebenberuflich die Berufsmatura absolviert und bin in der Folge bei einer Versicherung gelandet. In dieser Branche bin ich auch heute noch tätig.

Hat Sie Ihr Bauchgefühl schon einmal getäuscht?

Mayr: Nicht wirklich. Ich bin eigentich mit einem guten Bauchgefühl ausgestattet. Als Mitarbeiter im Versicherungsbereich, wo man tagtäglich mit Menschen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten zu tun hat und oft mit Schadensfällen konfrontiert ist, bekommt man mit der Zeit ein gutes Gefühl für das, was der Wahrheit entspricht oder einfach gelogen sein könnte.

Was geht Ihnen manchmal auf die Nerven und kann Sie auf die Palme bringen?

Mayr: Penetrante Leute, die keine Geduld besitzen und nicht müde werden, immer wieder auf das gleiche Thema zu pochen.

Denken Sie, dass man es sich als Gemeindeoberhaupt auch einmal erlauben darf, Schwächen öffentlich einzugestehen?

Mayr: Ich denke, das muss man als Bürgermeister sogar. Man muss auch einmal unangenehme Sachen ansprechen und offen sagen, was noch möglich ist und welche Dinge nicht mehr machbar sind. Es allen recht machen zu wollen, das funktioniert ganz einfach nicht. Auch als Bürgermeister einer Gemeinde muss man Mensch bleiben und Schwächen zeigen dürfen. Damit habe ich überhaupt kein Problem.

Wann und wie gelingt es Ihnen am besten, abzuschalten und neue Kraft zu tanken?

Mayr: Entweder in der Natur bei einer Bergwanderung mit meiner Frau oder einem erlebnisreichen Kochabend. Ich bin leidenschaftlicher Hobbykoch und lade gerne Leute zu uns nach Hause ein. Am liebsten koche ich mit Fleisch. Fleisch ist meine Disziplin und kommt in allen Variationen, geschmort oder gebraten, auf den Tisch.

Falls Ihnen einmal Ihr Smartphone abhanden kommen sollte: Wäre das ein Desaster für Sie und Ihre Terminplanung?

Mayr: Nein, ganz und gar nicht. Meine Termine plane ich ganz konventionell in einem Buch. Von einer Terminplanung über das Smartphone, die ich zu Beginn dieser Ära praktizierte, habe ich mich rasch wieder verabschiedet. Beim Herumschieben von Terminen über den Touchscreen sind mir nämlich Fehler unterlaufen, und ich hatte plötzlich ein Durcheinander im Kalender. Seither setze ich quasi wieder auf „Oldstyle“ und führe wieder einen analogen Kalender. Ich empfange und versende zwar E-Mails und verwende Whatsapp und Facebook auf meinem Handy, aber die Terminplanung gehört bei mir in ein Buch.

Stichwort soziale Netzwerke: Welche Rolle spielen diese Netzwerke bei Ihnen privat und beruflich?

Mayr: Netzwerke sind wichtig. Wenn man anständig durchs Leben geht, trifft man auf Menschen, mit denen man gut kann und die man auch wieder trifft, und für deren Hilfe man dankbar ist. Im Internet verwende ich soziale Netzwerke ebenso, pflege Kontakte mit Freunden und werfe eigentlich täglich einen Blick darauf. Ab und zu kommentiere ich auch ein Thema oder eine Meldung.

Wie wurden Sie von Ihren damaligen Lehrpersonen eingeschätzt? Konnte Ihnen die Schule das wirklich Relevante vermitteln?

Mayr: Ich denke, dass sie mich als Spitzbuben eingeschätzt haben, der seinen Mund nicht halten kann und in den meisten Fällen das letzte Wort haben muss. Es gibt leider Lehrer, wo es gescheiter gewesen wäre, man hätte bei ihnen keinen Unterricht gehabt. Andere wiederum treffe ich auch heute noch gerne und freue mich darüber, mit ihnen ins Gespräch zu kommen oder ein kleines Bier trinken zu können. Geprägt hat mich viel mehr mein Heranwachsen auf dem Bauernhof meines Großvaters. Relevantes fürs Leben habe jedenfalls nicht in der Schule vermittelt bekommen, das kann ich für mich ausschließen.

Zur Gemeindepolitik: Gibt es unter dem Stichwort Abwanderung konkrete Pläne für sozialen Wohnbau in Fraxern?

Mayr: In unserer Gemeinde gibt es keine gemeinnützige Wohnung. Vor diesem Hintergrund sind wir von starken Abwanderungstendenzen junger Leute betroffen. Das ist leider ein Faktum. Es fehlt an Möglichkeiten für Startwohnungen für junge Leute, und ein Wohnungsmarkt existiert in Fraxern praktisch nicht. Wir müssen als Gemeinde dagegen Maßnahmen ergreifen und zwar so schnell wie möglich, sei es mit günstigen Grundstücken für junge Fraxner oder über gemeinnützige Wohnbauträger. Eine auf privater Basis errichtet Anlage mit sieben Eigentumswohnungen betrachte ich deshalb als Schritt in die richtige Richtung.

Wie sieht es mit den Finanzen in Fraxern aus? Haben Sie noch frei verfügbare Mittel in der Gemeindekasse?

Mayr: Nein, wir haben keine frei verfügbaren Finanzmittel mehr zur Hand. Wir verfügen zwar über eine hervorragende Infrastruktur vom neuen Kindergarten bis hin zum Rathaus, können uns derzeit aber praktisch nichts mehr leisten und müssen darauf achten, die laufenden Zahlungen zur Erhaltung dieser Struktur aufbringen zu können. Unser Handlungsspielraum ist sehr eingeschränkt. Es ist deshalb wichtig, bei den Menschen ein Bewusstsein zu schaffen. Es kann ganz einfach nicht so sein, dass für alles immer nur die öffentliche Hand aufkommen muss.

Wo sehen Sie Fraxern im Hinblick auf die Entwicklung der Gemeinde in zehn Jahren?

Mayr: Ich hoffe, dass bis dahin wieder mehr junge und ursprüngliche Fraxner im Dorf leben oder sogar einige wieder zu uns zurückgekehrt sind. Als Gemeinde legen wir großes Augenmerk auf Bürgerbeteiligungsprojekte in den unterschiedlichsten Bereichen.

Was soll Ihnen später, wenn Sie einmal nicht mehr Bürgermeister sind, nachgesagt werden?

Mayr: Dass ich mein Amt „ghörig“ gemacht habe, das würde ich mir wünschen. Darüber hinaus wäre ich froh, wenn ich mein Bürgermeisteramt beenden könnte, bevor man mich abwählt. Man muss die Gnade besitzen, früh genug Platz zu machen. Ich möchte nämlich auch nach meiner Zeit als Bürgermeister durchs Dorf gehen und mit allen Bürgern reden können. So lange ich das Gefühl habe, dass das Dorf und die Fraktionen im Rathaus hinter mir stehen, übe ich das Bürgermeisteramt mit großer Freude aus.

Sind Sie mit Ihrem Monatsbezug zufrieden? Wie viel bleibt Ihnen monatlich netto?

Mayr: Ich bin zufrieden, nach Abzug aller Steuern im Hinblick auf meine Partnerschaft in einer Versicherungsagentur dürften mir rund 2200 Euro netto pro Monat bleiben.

Kurz gesagt . . .

Absolute Mehrheit: Man bleibt handlungsfähig und kann schnell reagieren.

Freunderlwirtschaft: Muss aufgedeckt werden.

Lebensglück: Eine Aufgabe zu finden, von der man erfüllt wird.

Politikverdrossenheit: der Ursprung des politischen Übels

Parteifreund: Freunde sind immer eine Bereicherung, egal wo.

Freizeit: Mit Menschen zusammen sein, die mich zum Lachen bringen.

Erstwähler: Schwierig zu erreichen, schafft man es zu einem Gespräch, kann man punkten.

Lebensqualität: Gesundheit, Liebe, Freunde, Interessen und der Lebensraum Vorarlberg

Netzwerke: Sind eine logische Konsequenz aus einem ehrlichen und fleißigen Lebensweg.

Lebensabend: glücklich verheiratet mit Julia

Zahlen zu Fraxern

» Gemeindegröße: 8,9 km2

» Einwohner: 704

» Jahresbudget: 3,5 Mill. Euro

» Pro-Kopf-Verschuldung: 2315 Euro

» Betriebe: 16

» Beschäftigte: rund 10

Zur Person

Steve Mayr

Geboren: 18. Jänner 1983

Familienstand: verheiratet

Beruf: Versicherungskaufmann

Werdegang: Lehre als Anlagenelektriker, Berufsreifeprüfung, seit 2006 Mitglied der Jungen Volkspartei und seit 2010 Gemeindevertreter, 2014 Kandidat der VP bei der LT-Wahl und seit 26. März Gemeindechef

Hobbys: Kochen, Wandern, Theaterspiel