Hanno Loewy

Kommentar

Hanno Loewy

Weiße Fahne

Vorarlberg / 10.05.2015 • 19:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Es war ein seltsames Gefühl, in Willys Jeep den Hohenemser Schlossberg hinaufzufahren. 70 Jahre nach dem Ende des Krieges. Am Kotflügel eine im Fahrtwind wehende Trikolore. Auf dem Fahrersitz ein uns vertraut gewordener Hohenemser Tischler. Auf dem Beifahrersitz eine Fotografin aus Israel, deren Bilder nun im Jüdischen Museum zu sehen sind. Hinter uns noch fünf weitere Jeeps des Vorarlberger Jeep Clubs, mit stolzen Fahrern am Volant und vielen neugierigen – und ein wenig unsicheren Gesichtern. Vor 70 Jahren wurde Vorarlberg von französischen und marokkanischen Truppen erobert, befreit, besetzt. Eine unwillkommen-willkommene Ankunft. Von den einen mit letztem Maschinengewehrfeuer empfangen, von anderen mit mutig gehissten weißen Fahnen begrüßt, von vielen wohl mit einer Mischung von Erleichterung, Furcht und Misstrauen beäugt. So viel Widerspruch war selten.

Vor siebzig Jahren warteten meine Eltern in Tel Aviv auf Nachrichten aus Europa und wussten schon, dass es wenig gute geben würde. Vor siebzig Jahren machte sich meine Großmutter, die im Versteck in Lemberg überlebt hatte, hinter den russischen Linien nach Westen auf, zurück in ihre Heimat im Schwarzwald. Vor siebzig Jahren hatten die Vorsitzenden der Sozialisten, der Volkspartei und der Kommunisten in Wien schon feierlich die Unabhängigkeit Österreichs erklärt, sich von den Nationalsozialisten losgesagt, und sich als erste Opfer Hitlers bezeichnet. Und den Alliierten demütig ausgerichtet, dass Österreichs Beitrag zu seiner Befreiung nur ein bescheidener sein könnte. Zwei Wochen hatten sie noch Zeit dafür. Und auch in Vorarlberg nahmen die nun plötzlich wieder weniger gewordenen Nationalsozialisten noch blutige Rache an jenen, die es wagten, nun eine weiße Fahne zu hissen, oder die versuchten zu verhindern, sinnlose, letzte Gefechte zu beginnen und die Brücken zu sprengen.

Vor siebzig Jahren waren vor allem die großen Träume vieler Deutscher, Österreicher, Vorarlberger geplatzt. Der Traum, die Herren der Welt zu sein. Der Traum, über Leben und Tod beliebig verfügen zu können. Und auch manche kleinere Träume waren dahin, wie der Traum der Hohenemser Parteiführung, aus der Burgruine auf dem Schlossberg ein deutsches Nationalheiligtum der Nibelungen zu machen. Eine von der Organisation Todt zu bauende Straße dort hinauf zu führen, um den Triumph über die Geschichte gebührend feiern zu können. Ich habe versucht, mir das vorzustellen, während unser Jeep den steilen Fahrweg hinaufkämpfte. Oben angekommen, haben dann der Verkehrsverein und der Kulturkreis eine weiße Fahne gehisst. Ich habe mithelfen dürfen. Ob es das gebraucht hat, weiß ich nicht. Aber die weiße Fahne hat sich gut angefühlt. Auch das war seltsam. Vor siebzig Jahren konnte man dabei sein Leben verlieren. Heute ist sie nicht mehr – aber auch nicht weniger – als eine bescheidene symbolische Geste. Nun hängt sie demütig am Fahnenmast über dem Rheintal. Vielleicht könnte es noch ein paar mehr weiße Fahnen brauchen.

Eine Mischung aus Erleichterung, Furcht und Misstrauen.

hanno.loewy@vorarlbergernachrichten.at
Hanno Loewy ist Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems.