„War ein normaler Spitzbub“

17.05.2015 • 17:38 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Bürgermeister Alwin Müller, St. Gerold, Bürgermeisterinterview
Bürgermeister Alwin Müller, St. Gerold, Bürgermeisterinterview

Harley-Fan im Rathaus-chefsessel: Alwin Müller ist neuer Gemeindechef in St. Gerold.

St. Gerold. In Kleingemeinden Persönlichkeiten zu finden, die bereit sind, das Amt des Bürgermeisters zu übernehmen, wird zunehmend schwieriger. In St. Gerold im Großen Walsertal ist dies offenbar nicht der Fall. Dort war mit Alwin Müller vergleichsweise rasch ein Nachfolger für Bruno Summer als Gemeindeoberhaupt gefunden. Summer hatte sich nach zwei Jahrzehnten an der Spitze der Berggemeinde zurückgezogen. Müller, begeisterter Harley-Fahrer, führt jetzt als Nebenerwerbsbürgermeister gemeinsam mit acht über eine Mehrheitswahl gewählten Gemeindevertretern die Geschicke der Bergkommune.

Herr Müller, was hat Sie am Bürgermeisteramt gereizt?

Müller: Dass ich in meiner Heimatgemeinde mitgestalten kann, das hat mich an diesem Amt gereizt. Darüber hinaus habe ich gerne mit Menschen zu tun. Einige Kollegen aus dem Dorf haben mich zur Weihnachtszeit des Vorjahrs gefragt, ob ich nicht Interesse am Bürgermeisterjob hätte. Im Jänner 2015 habe ich mich dann dafür entschieden. Ich bin seit 35 Jahren als Grenzgänger in der Schweiz tätig. Jetzt arbeite nur mehr 25 Wochenstunden in der Schweiz, die restliche Zeit bin ich im Rathaus anzutreffen.

Was kann Sie im Umgang mit anderen nerven?

Müller: Leute, die immer wieder von längst vergangenen Dingen reden und sich bestimmt leichter tun würden, wenn sie ihren Blick mehr in die Zukunft richteten.

Wann und wo gelingt es Ihnen am besten, abzuschalten?

Müller: Wenn ich mit meiner Frau auf der Harley Davidson fahren kann. Das ist für mich Urlaub, dabei kann ich am besten abschalten.

Wie wurden Sie von Ihren einstigen Lehrern eingeschätzt?

Müller: Ich wurde weder als Streber noch als Musterschüler eingeschätzt, ich war eigentlich ein ganz normaler Spitzbube.

Wie steht die Gemeinde finanziell da? Haben Sie noch verfügbare Mittel?

Müller: Nein, wir haben keine frei verfügbaren Mittel mehr in der Gemeindekasse und stehen, überspitzt formuliert, mit dem Rücken an der Wand. Wir müssen als Gemeinde einen Sparkurs fahren. Ich werde mir jedenfalls bestimmt kein Denkmal setzen können. In den letzten Jahren mussten wir viel Geld in Kanal- und Wasserbauten investieren.

Ist gemeinnütziger Wohnbau in St. Gerold ein Thema, oder gibt es bereits fixe Pläne?

Müller: Noch haben wir in unserer Gemeinde keinen sozialen Wohnbau. Es laufen jedoch Gespräche zwischen einem Grundbesitzer und der VOGEWOSI, die zwei Häuser mit insgesamt zwölf Wohneinheiten errichten will.

Bleiben die jungen Leute in St. Gerold oder tendieren sie zum Abwandern?

Müller: Es gab zwar eine Abwanderungstendenz bei den Jungen. In jüngster Zeit geht diese Tendenz aber glücklicherweise zurück. Ein privater Grundbesitzer stellt jetzt fünfzehn Bauplätze zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung. Darüber hinaus plant dieser Grundbesitzer die Errichtung eines Hauses mit sieben Eigentumswohnungen. Das für St. Gerold wichtige Projekt wird am kommenden Freitag öffentlich vorgestellt.

Sind Sie mit Ihrem Monatsbezug zufrieden? Wie viel bleibt Ihnen monatlich netto?

Müller: Mit bleiben knapp 1600 Euro netto pro Monat, ich bin zufrieden damit.

„Was unsere Finanzen anbelangt, so werde ich mir bestimmt kein Denkmal setzen können“: Gemeindechef Alwin Müller. Fotos: VN/Steurer
„Was unsere Finanzen anbelangt, so werde ich mir bestimmt kein Denkmal setzen können“: Gemeindechef Alwin Müller. Fotos: VN/Steurer

Kurz gesagt . . .

Absolute Mehrheit: bei uns kein Thema, wir haben Mehrheitswahl

Freunderlwirtschaft: lehne ich strikt ab

Lebensglück: Gesundheit, Zufriedenheit und eine glückliche Familie

Politikverdrossenheit: bei Bundespolitik groß, Landespolitik viel weniger

Parteifreund: habe zwar gute Freunde, aber keinen Parteifreund

Freizeit: Harley Davidson und ein kleiner Bioweingarten

Erstwähler: sehr wichtig, in St.Gerold ist das Interesse vorhanden

Lebensqualität: in Vorarlberg leben, besonders in St. Gerold

Netzwerke: sehr wichtig und bewusst einsetzen

Lebensabend: genießen und dankbar sein

St. Gerold

» Gemeindegröße: 12,6 km2

» Einwohner: 360

» Jahresbudget: 2,7 Millionen Euro

» Pro-Kopf-Verschuldung: 12.000 Euro

» Betriebe: sechs Unternehmen

» Beschäftigte: rund 27

Zur Person

Alwin Müller

Geboren: 28. April 1958

Familie: verheiratet

Beruf: Bäcker und Konditor

Werdegang: Bäcker- u. Konditorlehre, angelernter Drucker, Abteilungsleiter Druckweiterverarbeitung, Falzer

Hobby: Harley Davidson

Lebensmotto: Freue dich am Morgen und danke am Abend