O Heiliger Geist!

Vorarlberg / 22.05.2015 • 16:50 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Fotolia
Fotolia

Zu Weihnachten gab’s noch die Krippe, den Stall, die Mutter und das Kind. Zu Ostern wenigstens ein leeres Grab. Da weichen doch viele lieber auf ein Frühlingsfest aus und suchen Ostereier im Garten. Mit Pfingsten wird es richtig schwierig. Ein volkstümlicher Spruch lautet: „Heut gibt’s nix, heut kommt nix, kein Christkind und kein Osterhas – grad der Heilige Geist.“ Selbst Kinder, deren Phantasie noch nicht so „gebändigt“ ist wie die der Erwachsenen, tun sich schwer. In einer Volksschule sollten sie ein Bild malen, wie sie sich den Heiligen Geist vorstellen. Die Ergebnisse waren verblüffend. Die meisten zeichneten einen Vogel, einen Adler oder eine Schwalbe, die auch eine Taube sein könnte. Ein schon etwas älteres Mädchen stellte immerhin einen „Menschen-Vogel“ dar. Und einigen fiel nichts Besseres ein, als ein Gespenst zu malen.

Ist Pfingsten das Fest der Verlegenheit? Heiliger Geist! Was feiert man da? Für „Geist“ stehen in der Bibel auch die Worte „Wind“, „Sturm“ „Hauch“ und „Atem“. Wie soll man das darstellen? Oft ist auf alten Gemälden der Heilige Geist als Taube zu sehen. Bei der Taufe Jesu im Jordan tat sich der Himmel auf und der Geist kam herab, gleich wie eine Taube (wohlgemerkt: „gleich wie“ eine Taube, nicht als eine Taube!). Und dann die Stimme vom Himmel: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen!“ (Markus 1,11). Ohne diese Worte wäre die Taube missverständlich. Durch diese Worte aber wird die Geste zu einer Liebeserklärung.

Feuer und Flamme

Fünfzig Tage nach Ostern hat sich in Jerusalem etwas Ungeheures abgespielt. Nach der großen Erschütterung, dem Tod ihres geliebten Herrn und Meisters, nach der Blamage, die damit verbunden war und nachdem sie sich verkrochen und ihre Wunden geleckt hatten, jetzt, wo sie schon eine Prise Auferstehung angeweht hat, jetzt sind sie wieder zusammen- gekommen in ihrer Schicksalsstadt. Da „geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen“ (Apostelgeschichte 2,2). Und dann die Feuerflammen über ihren Köpfen! Sie wurden vom Geist Gottes erfüllt. Das blieb nicht unbemerkt. Eine Menge strömte zusammen, Menschen aus allen Nationen, Fremde und Einheimische, alle waren ebenso ratlos wie entsetzt. „Was will das werden?“, fragten viele in das Sprachengewirr hinein. Und manche spotteten: „Sie sind voll von süßem Wein!“ Aber Petrus beruhigte und hielt eine Predigt. Er sprach über die „großen Taten Gottes“ und davon, dass Gott seinen Geist ausgießen wolle auf alle Menschen. Und so war es auch: Angst und Misstrauen versickerten allmählich, verschlossene Türen taten sich auf. Die Unterschiedlichen begannen einander zu verstehen. Sie fanden eine gemeinsame Sprache. Das Trennende war überwunden.

Das Pfingstfest konnte beginnen. Begeisterung breitete sich aus, Gottes Geist feuerte sie an, sie wurden trunken vor Glauben. Am Ende der Predigt stellten sie die entscheidende Frage: „Was sollen wir tun?“ Mit einer begeisternden Predigt ist Pfingsten nicht abgehakt. Jetzt geht’s erst los! Was sollen wir tun? Was ist die Konsequenz unseres Glaubens? Wie setzt er sich in die Tat um? Das war die Geburtsstunde der Kirche.

Gottesfinger

Der Heilige Geist ist zwar nicht anschaulich, aber seine Wirkung ist erstaunlich. Er bewegt, rüttelt auf, belebt, stiftet Frieden und entlarvt den faulen Frieden. Er macht munter, kritisch, liebevoll und ungeduldig – und er tröstet. Aber er ist nicht harmlos, er treibt um. Papst Franziskus meint, er sei eine Belästigung, weil er zur Bewegung drängt. Für Adolf Holl ist er „die linke Hand“ Gottes. Als „Geist der Wahrheit“ ist er mitunter eine Zumutung, denn er kratzt an den Verkrustungen lieb gewordener Traditionen, er will erneuern, nicht bewahren. Der Liederdichter Benjamin Schmolck nennt ihn den „starken Gottesfinger“.

Der Heilige Geist ist unberechenbar, man kann seiner nicht habhaft werden, er ist flatterhaft, weht wo und wann er will. Er ist immer für Überraschungen gut und hat nichts dagegen, wenn jemand beim Warten auf ihn auch seinen Verstand gebraucht.

Wolfgang Olschbaur, Schwarzach, evangelischer Pfarrer i. R.