60 Cent und die Schlafstätte im Park

Vorarlberg / 11.08.2015 • 20:23 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
60 Cent – Georgianas Ausbeute eines halben Tages.
60 Cent – Georgianas Ausbeute eines halben Tages.

Bettler in Vorarlberg: Drei Rumäninnen erzählen, wieso sie aus ihrer Armut einen Beruf gemacht haben. 

Dornbirn. (VN-ger) Georgiana streckt uns ihre Hand entgegen. 60 Cent, das sei alles, was sie heute bekommen habe, sagt die 26-Jährige. Es ist Dienstag, kurz vor Mittag. Die 26-Jährige sitzt in der prallen Sonne auf einer blauen Winterjacke vor der Sagmeister-Filiale am Dornbirner Marktplatz. Im Pappbecher, den sie vor sich stehen hat, steckt das Foto ihrer „Bambinis“. „Fiorentina, sieben und Stefano, vier Jahre alt.“ Die Rumänin ist gemeinsam mit ihrer Mutter und zwei Brüdern nach Vorarlberg gekommen, erzählt sie auf Italienisch. „Kein Haus, keine Arbeit, keine Schule, es gibt nichts in Rumänien.“ Drei Monate wollen die vier insgesamt bleiben. Der Mann sei weg. Ihre Kinder habe sie bei einer „Signora“ gelassen – für 20 Euro die Woche. Am Sonntag kommender Woche geht es offenbar wieder zurück nach Blejoi. Ihr Sohn müsse an den Augen operiert werden. Nach einer Woche wollen sie wiederkommen. Mit dem Bus für 100 Euro die Strecke. Ihre Mutter Rafailâ Carolina (49), buntes Kopftuch, schwarze Softshelljacke, langer, gemusterter Rock, bittet nur wenige Meter entfernt, an der Ecke vor dem Tom-Tailor-Shop, um Almosen. Die Polizei mache ihre viele Probleme, berichtet die fünffache Mutter von Strafen in der Höhe von 300 bis 400 Euro. Wie sie das bezahlen solle? Ihre Tochter sei sogar mit Handschellen abgeführt worden. Sorgen bereite ihr auch ihr jüngster Sohn, der in Rumänien geblieben ist. Seit einem Unfall habe er Probleme mit dem Kopf, die Operation koste 2000 Euro. Auch sie habe gesundheitliche Probleme. Chronische Hepatitis B. Wo sie schläft? „Im Park“, sagt sie und zeigt hinüber zur Martinskirche am Marktplatz. Bei der Caritas sei sie schon gewesen. Ob nicht wir ein altes Haus für sie hätten?

„Schlechtes Gewissen“

Während die einen auf das Grundrecht verweisen, betteln zu dürfen, würden sie die anderen am liebsten aus den Innenstädten verbannen. Bettler. „Es beschleicht einen das Gefühl, dass man die sichtbar werdende Armut von Vorarlbergs Straßen weghaben will, weil sie bei Bürgern Unbehagen auslöst“, formulierte es Landtagsabgeordnete Nina Tomaselli (Grüne) in dieser Woche in einem VN-Streitgespräch.

„Früher bin einfach vorbeigegangen und habe nichts gegeben“, erzählt Elfi Mayer (70). „Danach hatte ich so ein schlechtes Gewissen. Mittlerweile gebe ich immer mindestens zwei Euro.“ Die Dornbirnerin ist froh, dass sie an den Greenpeace-Sammlern unbeschadet vorbeigekommen ist. Bei der Apotheke am Marktplatz hat sie dann Mirella eine Münze in den Plastikbecher geworfen. Die 20-Jährige ist seit vier Tagen in Vorarlberg. Drei Tage habe die Busfahrt von Rumänien gedauert. Ihr Mann sei mit dem Zug an einen anderen Ort gefahren. Wohin? Mirella zuckt mit den Schultern. Auch sie hat ein Foto von ihren drei Kindern dabei – sieben, fünf Jahre und fünf Monate alt. An guten Tagen verdiene sie zwischen zehn und 15 Euro. Geld für die Kinder, essen und trinken. Manchmal spendiert ihr ein Passant einen Nusskipfel oder ein Getränk in der Bäckerei. In Rumänien wohne die Familie in einer „Baracca“, in einer Hütte. Die Kleidung, die sie am Körper trage, sei alles was sie dabei habe. Wie lange sie bleiben möchte? Nicht so lange, sagt Mirella, sie stille ihr Baby noch. 

„Aggressiv betteln die nicht“, resümiert Elfie Mayer und holt aus: „Bei mir in der Nähe wohnen zwei rumänische Familien unter Plastikplanen. Ich kann gar nicht mehr vorbeigehen. Es ist schockierend, dass es so etwas bei uns im Land gibt.“

Rafailâ ist mit drei Kindern nach Vorarlberg gekommen, erzählt sie.
Rafailâ ist mit drei Kindern nach Vorarlberg gekommen, erzählt sie.
Mirella und ihre Kinder – das jüngste stille sie noch, deshalb wolle sie nicht so lange bleiben. Fotos: VN/Paulitsch
Mirella und ihre Kinder – das jüngste stille sie noch, deshalb wolle sie nicht so lange bleiben. Fotos: VN/Paulitsch