Die Stiche des Krieges und Nähte der Zukunft

Vorarlberg / 17.08.2015 • 19:18 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mitte der 90er-Jahre: Safira Hoso mit ihrer Familie in der Galina. Sie näht erste Quilts. Fotos: Bosna Quilts
Mitte der 90er-Jahre: Safira Hoso mit ihrer Familie in der Galina. Sie näht erste Quilts. Fotos: Bosna Quilts

Flüchtlingsprojekt Mitte der 90er: Bis heute können elf Frauen in Bosnien davon leben.

Bregenz. (Eva Konzett) An einem Maitag 1993 packt die Künstlerin Lucia Lienhard-Giesinger bunte Wachskreideskizzen in einen Umschlag und steigt in ihr Auto. Im Fernsehen berichten die Nachrichten vom Krieg auf dem Balkan, und „Nachbar in Not“ lässt zum Hauptabendprogramm die Anzahl der Hilfstransporte einblenden. Lienhard-Giesinger will sich engagieren, doch nun überkommt sie die Nervosität. „Was, wenn die Idee mit den Quilts nicht ankommt?“, denkt sie sich, als sie von
Altach zum Flüchtlingsheim Galina in Frastanz aufbricht. Was, wenn niemand Steppdecken nähen will?

Zweifel waren unbegründet

Die Zweifel, das weiß Lienhard-Giesinger heute, sind unbegründet. Viel mehr noch: Die Quilt-Produktion, die sie in der Garage der ehemaligen Galina-Kaserne initiierte, sichert elf Frauen am Drina-Fluss im bosnischen Goražde das wirtschaftliche Auskommen – bis heute.

Nähen half beim Verdrängen

Damals in der Galina mussten die Menschen die Tage irgendwie hinter sich bringen. Sie standen als Vertriebene der Balkan-Kriege unter temporärem Schutz in Österreich, arbeiten aber durften sie nicht. Beschäftigung, Selbstbewusstsein, Begegnungen auf Augenhöhe, das fanden die Frauen in der Quilt-Werkstatt. „Es hat mir das Leben gerettet“, sagt Safira Hošo, die 1993 aus Goražde geflohen ist.

Rund 30 Frauen beugen sich bald nach dem ersten Treffen mit Lienhard-Giesinger über deren Entwürfe und nähen die Quilts zusammen. Eine jede schreibt mit den Stichen ihre eigenen Erfahrungen in den Stoff ein. Und das Nähen, die monotone Bewegung, hilft zu verdrängen. „Ohne Verdrängen geht es manchmal nicht“, sagt Lienhard-Giesinger heute.

Die Frau mit dem weißen Pagenkopf steht im Ausstellungsraum der „Bosna Quilts“ in Bregenz und kocht Kaffee. Ein lichter Raum mit den kunstvollen Decken an den Wänden und frischen Blumen am Fensterbrett. 80 Quilts verkauft sie im Jahr – an Familien, Kirchen und Museen, nach Wien, Göteborg und Nowosibirsk. Die Nachfrage ist stabil.

Quilts waren einzige Chance

Dabei wäre das Projekt ohne Safira Hošo fast ausgelaufen. „Wenn du nicht weitermachst, werde ich verrückt“, hatte sie Lucia 1997 vor der Rückkehr nach Goražde, vor der Fahrt in die fremd gewordene Heimat, gedroht. Goražde hatte zu diesem Zeitpunkt zwei Drittel der Bevölkerung verloren, in den zerstörten Häusern lebten unbekannte Gesichter. Arbeit gab es nicht. „Die Quilts waren meine einzige Chance“, erzählt sie.

Und nicht nur ihre: Nach ihrer Rückkehr nach Bosnien trommelt Safira zehn weitere Frauen zum Quilten zusammen: Sada, die aus dem Küchenfenster auf den serbisch-orthodoxen Friedhof schaut, wo die Toten der anderen liegen, Vesna, die sie noch aus der Galina kennt, Emina, die die Wellen des Drina-Flusses in die Quilts näht. Und die anderen, denen der Krieg den Lebensweg in ein Davor und ein Danach geschnitten hat. Rund 200 Euro verdienen die Frauen mit der Deckenproduktion – ein regelmäßiges Einkommen in einer Stadt, wo die Fabriken die Löhne nur auszahlen, wenn genug Geld in der Kasse ist. Fast jeden Monat schickt Lucia die Entwürfe aus Vorarlberg, ein Kleinbus fährt die fertigen Quilts nach Bregenz zurück. Seit mehr als 22 Jahren geht das nun so.

Nur Nachfolger haben die Frauen keine bestimmt: „Mit uns wird es irgendwann ein Ende haben“, sagt Lienhard-Giesinger und legt neue Entwürfe am Boden auf.

Ohne zu verdrängen, geht es manchmal einfach nicht.

Lucia Lienhard-Giesinger
Zurück in Bosnien: Elf Frauen leben noch heute von den Quilts.
Zurück in Bosnien: Elf Frauen leben noch heute von den Quilts.