Frust der Seefischer über Kormoranschwärme

Vorarlberg / 06.09.2015 • 20:01 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die in die Fußacher Bucht geschüttete Kiesinsel dient Kormoranen als Rastplatz und seenahe Jagdbasis.  Foto: GG
Die in die Fußacher Bucht geschüttete Kiesinsel dient Kormoranen als Rastplatz und seenahe Jagdbasis. Foto: GG

In den letzten Wochen sind massive Jagdzüge der Vögel in Flachwasserzonen zu beobachten.

Fußach. (gg) Der Kormoran bleibt am Bodensee ein Problem. In den vergangenen Wochen sind täglich Hunderte der Vögel beim Fischfang am Vorarlberger und St. Galler Ufer zu beobachten. Im Rheindelta und besonders vor dem Rohrspitz müssen die Berufsfischer täglich die Jagdzüge der Kormoranschwärme mitansehen. Dicht ist die Besetzung der in die Fußacher Bucht geschütteten Kiesinsel. Um die 200 Kormorane, meist Jungvögel, rasten dort auf der seenahen Jagdbasis.

Das Brutaufkommen auf den Bäumen an der Bucht hat der eingesetzte Arbeitskreis, in dem Naturschutz und Fischerei zusammenarbeiten, dabei halbwegs im Griff. Auf dem einzigen noch besetzten Brutbaum an der Sandinsel sind nicht mehr Horste als angestrebt. Die Einhaltung der Vorgabe, nicht weniger als 30 Horste, aber maximal 50, konnte mit Vergrämungen und für die Vögel unmissverständlichen Abschüsse eingehalten werden. Der heiße Sommer beeinflusste den Bruterfolg der Kormorane kaum, er wird für 2015 als „normal“ bezeichnet. Das heißt, dass die Vögel pro Horst meist zwei, seltener drei Junge aufbringen.

Vogelkundler sehen den massiven Zuzug am Süd­ufer des Bodensees im Freizeitverkehr begründet: „Die große Kolonie in Fischbach östlich von Friedrichshafen wurde wegen des regen Verkehrs auf dem Wasser in den letzten Wochen verlassen, die Vögel sind eben über den See herüber gezogen.“ Dem widerspricht die Fischerin Anta Koops: „Es stimmt zwar, dass in der Kolonie am Lipbach nur noch einzelne Vögel sitzen. Sie sind aber abgezogen, weil es hier einfach keine Fische mehr gibt.“ Das Bild der jagenden Kormoranschwärme kennt man auch am St. Galler Ufer zur Genüge. Schweizer Fischer meldeten das gehäufte Auftreten an der Staatsgrenze bei Altenrhein bis auf Höhe von Staad und weiter westlich. Die kantonalen Beamten liefern die Erklärung: „Derzeit ziehen die kleinen Egli zu Abertausenden auf die Halde. Die Kormorane richten vor allem an den zwischen vier und sieben Zentimeter langen Jungfischen schwere Schäden an.“

Expertin zum Verhalten

Die Expertin für Kormorane der Schweizer Vogelwarte in Sempach, Verena Keller, zu den Schwärmen: „Dass sich Kormorane nach der Brutzeit vor allem an Orten auftreten, wo Schwarmfische vorkommen, ist ein bekanntes Phänomen. Es ist auch zu beobachten, dass die Vögel nach der Brutzeit weit umherschweifen.“ Der Herbstzug habe bereits eingesetzt und werde bis Ende Oktober noch zunehmen.

Am Schweizer Bodenseeufer gibt es wegen der dichten Verbauung keine Brutkolonien, trotzdem wurden 2014 in der Eidgenossenschaft in 14 Kolonien 1504 Brutpaare gezählt. Für ganz Europa wird die Zahl der Kormorane auf 1,7 bis 1,8 Millionen Exemplare geschätzt, Tendenz steigend. Die EU erlaubt bei Nachweis von Schädigungen der Fischerei inzwischen Gegenmaßnahmen außerhalb von Vogelschutzgebieten.

Am Bodensee leben im Jahresschnitt um die 1200 Kormorane, je nach Jahreszeit schwanken die Bestände stark. Laut der jüngsten Studie des Fischereiforschungsinstituts in Langenargen verursachen die Vögel eindeutig massive Schädigungen an den Fischbeständen. Tolerierbar wäre ein Bestand wie er 1994 mit 600 Kormoranen gegeben war. Dies bedeutet, dass die Population der Kormorane am Bodensee auf die Hälfte reduziert werden müsste. „Einfach abschießen“, lautet vielfach der laienhafte Rat.

So einfach ist das aber nicht. Die Kolonien sind vielfach unzugänglich, außerdem lernen die Kormorane schnell, wo’s für sie gefährlich wird und meiden solche Gebiete. Noch schwieriger sind behördliche Genehmigungen für Vergrämungen und Abschüsse zu erreichen. Noch in den Knochen sitzt etwa den schwäbischen Regierungsbeamten der Ausgang einer „Aktion Kaltei“. Sie hatten es auf Drängen der Fischer erlaubt, dass in einer kalten Aprilnacht 2008 an der Radolfzeller Ache Kormorane mit Halogenscheinwerfern von den Nestern vertrieben werden durften. Dadurch sollten die Eier erkalten und absterben.

Prompt hatte der Naturschutzbund gegen die Vertreibung Klage erhoben. Der Verwaltungsgerichtshof in Stuttgart gab den Vogelschützern recht. Die Aktion wurde als klar rechtswidrig erkannt, da sie in einem Vogelschutzgebiet erfolgt war.