Der Fremde

Vorarlberg / 25.09.2015 • 21:37 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Apfelmusbereitung mit Asylwerbenden im Haus Batschuns. Die Äpfel wurden aus der Umgebung zur Verfügung gestellt.  Foto: privat
Apfelmusbereitung mit Asylwerbenden im Haus Batschuns. Die Äpfel wurden aus der Umgebung zur Verfügung gestellt. Foto: privat

Mk 9,37-47

Ein fremder Mann treibt im Namen Jesu Dämonen aus. Die Jünger sind nicht nur erstaunt, sondern sie gehen sogar zum Angriff über und versuchen, dies zu verhindern (Mk 9,37-47). Wieso gehen die Jünger gleich auf ihn los? Fühlen sie sich in ihrer Rolle, in ihrem Besitz, in ihren Sicherheiten bedrängt? Vielleicht geht es ihnen auch um die Sache Jesu, damit kein falsches Licht auf sie fällt, wenn da irgendeiner daherkommt und wirkt, ohne zu ihnen zu gehören.

Wer gehört zu Jesus oder wem gehört Jesus?

Diese Frage stellt sich unweigerlich beim Hören oder Lesen dieser biblischen Erzählung nach Markus – eine, wie ich meine, aktuelle Geschichte. Einer, der gar nicht zum engeren Kreis gehörte, hat getan, was nach Meinung seiner Jünger nur von Jesus selbst oder von einem von ihm sanktionierten Kreis getan werden darf. Sogar der Lieblingsjünger Johannes neidet anderen, dass ihnen Gutes gelingt.

Sie versuchen den Fremden zu hindern, weil sie glauben, dass sie im Recht sind, dass ihre Version die richtige ist und sie meinen, Jesus auf ihrer Seite zu haben. Wir sind die Richtigen, bei euch ist etwas faul! Jesus hat weniger Probleme damit, anderen ihren Raum zu lassen. Er ist nicht der, der sich sofort bedrängt fühlt, abgrenzt oder aggressiv reagiert. Er hat die Freiheit, hinzuschauen und auf die anderen zuzugehen. Angst, Neid und Missgunst machen klein und eng; Freigiebigkeit, Großzügigkeit weiten das Herz. Und Jesus weist seine Jünger in einer drastischen Sprache zurecht. Es war ihm wichtig, dass die Menschen seiner Zeit verstehen, was er mit Ärgernis, mit Skandal meint. Er findet harte Worte gegen jene, die ihren Einfluss auf andere Menschen in böser Weise ausnützen: Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde. Die drastischen Beispiele vom Abhauen der eigenen Hand oder vom Augenausreißen, wenn sie Ärgernis geben, zeigen, wie ernst es Jesus damit ist, sich gegen das Böse zu wehren.

Gott lässt sich sein Wirken nicht durch unsere Vorstellungen beschränken. Oft ist er selbst der ganz andere, der uns herausfordert.

Den Weg teilen

In einer Zeit, die so vielfältig bedroht ist wie die unsere, hat man immer öfter das Gefühl, dass Dämonen, dunkle Mächte am Werk sind, die Menschen verführen und in Gewalt, Inhumanität, in Gewissenlosigkeit und Egoismus treiben. Angst macht sich breit, die aber nicht mehr erweckt, sondern lähmt, aktionsunfähig und ohnmächtig erscheinen lässt. Gerade dort, wo wir unsicher sind schotten wir uns ab, grenzen wir andere aus, um uns Sicherheit zu schaffen.

In dieser Zeit mit der großen Herausforderung zur Neuorientierung, in der es für manche unumgänglich ist, die Grenzen dicht und die Zäune hoch zu machen, braucht es Menschen und eine Politik, die wie Jesus dieser Tendenz entgegentreten, die auf das Gemeinsame aufmerksam machen, die statt Emotionen zu schüren sachlich argumentieren und Lösungen suchen. Geschichtsbewusstsein könnte dabei helfen. Einmal spricht Jesus davon, mit dem Fremden statt einer Meile freiwillig zwei Meilen mitzugehen und ihm tragen zu helfen. Ein Fremder aus der Umgebung Jesu hat das getan und sich dabei sogar auf Jesus berufen. Darf er das? So fragen die Jünger und Jesus antwortet einfach: Hindert ihn nicht.

Es könnte eine Bereicherung sein, sich auf das vermeintlich Fremde einzulassen, den Weg ein Stück mit einem Menschen zu teilen und so einen gegenseitigen Lernprozess einzuleiten. Die Leidenschaft, die wir für eine Fußballmannschaft – oder was immer es ist – aufbringen, weiterwachsen zu lassen zu einer Leidenschaft für Menschen, die Beistand brauchen. Meine eigenen Erfahrungen zeigen mir, dass dabei aus Fremden Freunde werden können.

Dr. Karoline Artner, Werk der Frohbotschaft Batschuns