Vom ständigen Leiden einer jungen Schuhverkäuferin

Vorarlberg / 27.09.2015 • 22:44 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Demente Rentnerin wollte Flip-Flops eigentlich nur „aus­probiert“ haben.

Bregenz. In einem Bregenzer Schuhgeschäft in der Mittagszeit: Die 25-jährige Verkäuferin beobachtet eine ältere Dame, die sich recht auffällig umsieht. Die junge Angestellte wird argwöhnisch. Aus Erfahrung, wie sie später als Zeugin eines Diebstahls am Bezirksgericht Bregenz aussagt.

Und auch zu Recht, wie sie weiter schildert: „Die alte Frau entnahm ein Paar Flip-Flops, ging dann ein paar Meter weiter zu einem Mülleimer und riss die Verbindungsschnur von den Schlappern. Dann zog sie die Flip-Flops an und ging seelenruhig in Richtung eines Hosengeschäfts, ehe sie dann um die Ecke verschwand.“

Von wackerer Natur, setzte sich die Verkäuferin sofort auf die Fährte der Rentnerin. Als sie die Frau schließlich stellte, habe jene nur behauptet, die Flip-Flops erst ausprobieren zu wollen, ehe es zur Kasse gehen sollte.

70 Euro „Eingreifslohn“

Das glaubte auch der Security-Mann nicht. Es kam zur Diebstahlsanzeige und zur Verhandlung vor Gericht.

Weil zunächst nur die 25-jährige Zeugin erscheint, entschließt sich Richter Christian Röthlin zu einer Verhandlung in Abwesenheit der Beschuldigten. Wie sich während der Vernehmung der Verkäuferin herausstellt, bekam sie wie üblich 70 Euro Entschädigung für ihr Eingreifen. Was für ein schwacher Trost, seufzt die Zeugin. „Diebereien kommen bei uns leider nur zu oft vor“, begründet sie, „und ich kann doch nicht jeden Tag vors Gericht.“

Gerade in Kürze müsse sie wegen eines ähnlichen Deliktes wieder als Zeugin aussagen. Diesmal sogar am Landesgericht Feldkirch. „Für diesen Aufwand rentieren sich 70 Euro nicht für mich“, klagt sie ihr Leid.

Der Richter hat kaum das Urteil wegen versuchten Diebstahls in Höhe von 400 Euro ausgesprochen, als die Tür zum Verhandlungssaal aufgestoßen wird. Die Tochter der Beschuldigten erscheint, hinter ihr schleppt sich auch die schwer demente Angeklagte in den Raum. Zu spät, der Richter hat das Urteil bereits gesprochen. Außerdem wäre die angeschlagene Rentnerin gar nicht zu einer Vernehmung fähig gewesen.

Richter Röthlin kündigt deswegen die Einholung eines ärztlichen Gutachtens an.