„Krieg hinterlässt bei jedem Spuren“

Vorarlberg / 28.09.2015 • 21:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Hilfe für traumatisierte Flüchtlinge: Keine Projekte, sondern einfach die Hand reichen.

Heidi Rinke-Jarosch

schwarzach. Zulfokar Al-Dubai stammt aus dem Jemen – einem Land, in dem seit zwei Jahren ein bewaffneter Konflikt herrscht. Er kam vor 31 Jahren nach Österreich, um hier Medizin zu studieren und ist geblieben. Während der Facharztausbildung für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin am Landeskrankenhaus Rankweil kümmerte er sich in den 1990er-Jahren um Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Seit Beginn der Migrantenwelle nach Europa behandelt der Experte traumatisierte Flüchtlinge, vorwiegend aus Syrien und dem Irak.

Millionen Menschen flüchten zurzeit aus Kriegsländern vor Bomben, Terror, Folter, Hunger, Tod. Ist jeder Flüchtling traumatisiert?

al-dubai: Sowohl in ihrem Herkunftsland, aus dem sie fliehen, als auch unterwegs auf der Flucht erleben diese Menschen viele Formen von Traumatisierung. Da ist vor allem die Unsicherheit, nicht zu wissen, wie es weitergeht. Mehrere Monate unterwegs zu sein, dann irgendwo ankommen und dort in Angst vor Abschiebung leben zu müssen, ist ein ungeheurer Stress und kann schließlich eine Posttraumatische Belastungsstörung auslösen. Eine Traumatisierung aufgrund eines schlimmen Erlebnisses – zum Beispiel in einem Krieg – hat jeder Betroffene, aber nicht jeder entwickelt eine Posttraumatische Belastungsstörung. Dies ist abhängig von der psychischen Widerstandskraft des einzelnen Betroffenen.

Wie zeigt sich eine Posttraumatische Belastungsstörung?

al-dubai: Wer sogenannte Flashbacks hat – also Ereignisse in diesem Moment wiedererlebt – und beispielsweise mit Angst-Panikattacken, innerer Unruhe, Angespanntheit, Schlaflosigkeit reagiert, leidet meist an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Das gehört sofort von einem Psychiater oder im Landeskrankenhaus Rankweil fachärztlich behandelt. Allein die Erinnerung an schreckliche Ereignisse wird noch nicht als Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Viele Menschen haben genügend Resilienz, um ihre Traumatisierung kompensieren zu können.

Wie kann traumatisierten Flüchtlingen geholfen werden?

al-dubai: Die meisten ankommenden Flüchtlinge brauchen Hautarzt, Zahnarzt, Internist, Psychiater – genau in dieser Reihenfolge. Die Vorarlberger Gesellschaft für Psychotherapie, deren Präsident ich bin, ist bereit, die psychiatrischen Fachärzte zu koordinieren. Aber nicht alle traumatisierten Flüchtlinge brauchen eine klassische Psychotherapie, sondern in erster Linie Zuwendung. Es gibt in diesem Land viele Menschen, die helfen wollen. Das ist eine schöne Geste. Man sollte allerdings nicht irgendwelche Flüchtlingsprojekte machen, sondern Berührungsängste verlieren und persönliche Beziehungen aufbauen. Mein Appell an alle Helfer: Nehmt diese Menschen einfach an die Hand und gebt ihnen das Gefühl, willkommen und angekommen zu sein. Und lasst sie wissen, dass sie hier sicher sind und ihnen nichts Schlimmes mehr passieren wird. Dieses Verhalten Flüchtlingen gegenüber kann beinahe eine Therapie ersetzen. Außerdem werden Flüchtlinge auf diese Weise integriert und arbeitsfähig und die Gesellschaft bekommt viel von ihnen zurück.

In Ihrem Herkunftsland, dem Jemen, herrscht seit zwei Jahren Bürgerkrieg. Regierungstruppen kämpfen mit Unterstützung Saudi-Arabiens gegen die schiitischen Houthi-Rebellen. Wie geht es Ihnen dabei, im Gegensatz zu Angehörigen im Jemen selbst in einem sicheren Land zu leben?

al dubai: Wie es mir dabei geht? Für mich ist diese
Situation sehr schwierig. Aber ich habe hier meine Familie – meine Frau und meine Kinder – und liebe Freunde, die für mich wichtig sind. Damit kann ich das aushalten.

Gebt diesen Menschen das Gefühl, willkommen zu sein.

Zulfokar Al-Dubai

Zur Person

Dr. Zulfokar Al-Dubai

Geboren: 26. Jänner 1962 in Aden

Ausbildung: Medizinstudium in Wien

Laufbahn: Facharztausbildung für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin am LKH Rankweil, medizinischer Leiter der Drogenberatungsstelle „Die Faehre“ in Dornbirn und der Sozialpsychiatrie Bregenz, zwei Niederlassungen.

Wohnort: Lauterach

Familie: verheiratet, Vater von zwei Kindern