„Kirche ist das geistige GPS“

Vorarlberg / 01.10.2015 • 21:15 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Bischof Benno Elbs: „Das ist das schlimmste Schimpfwort für einen Theologen.“ Fotos: VN/Hofmeister
Bischof Benno Elbs: „Das ist das schlimmste Schimpfwort für einen Theologen.“ Fotos: VN/Hofmeister

Die Familiensynode beginnt. Bischof Elbs über das Idealbild und die Realität.

Feldkirch. Vorarlbergs Bischof Benno Elbs spricht vor der anstehenden Familien-Synode in Rom mit den VN über homosexuelle Partnerschaften, böse theologische Schimpfwörter und Bischöfe als Singles, die über das Familienthema diskutieren. Gemeinsam mit Kardinal Christoph Schönborn (70) reist er zur Konferenz, die am Sonntag beginnt.

Mit welchen Erwartungen fliegen Sie nach Rom?

Elbs: Dass es gelingt, das Thema Familie wieder ins Zentrum zu stellen, zumindest von der Kirche aus. Familie ist der Ort der Sehnsucht und der Solidarität, wo Menschlichkeit gelernt wird.

Wie sieht die ideale Familie aus?

Elbs: Es ist meine Überzeugung als Theologe und Psychologe, dass es die in der Natur des Menschen liegende Idealform ist, dass ein Kind in einer Familie mit Vater und Mutter aufwächst. Als sichere Konstante im Leben.

Diese Situation ist nicht allen gegönnt. Ist es für Menschen in einer anderen Lebenssituation schwierig, Anknüpfungspunkte in der Kirche zu finden?

Elbs: Es ist natürlich so, dass diese Ideale nur in den seltensten Fällen gelebt werden. Es ist das Anliegen der Familiensynode, dass die verschiedenen Lebenssituationen wertgeschätzt werden. Ob jemand alleine ist, geschieden, ob ein junger Mensch nicht heiraten will, da darf die Kirche nicht mit dem erhobenen Zeigefinger sagen: das ist schlecht. Die Moralbrille gilt es abzulegen.

Was heißt das für geschiedene und wiederverheiratete Paare?

Elbs: Die Unauflöslichkeit der Ehe ist ein hoher Wert. Es sollte jeder einzelne Fall besprochen werden. Es gibt keine generelle Lösung, das würde der Einzelsituation nicht gerecht werden. Gemeinsam kann ein Weg zurück gefunden werden. Sakramente sind keine Belohnung, sondern ein Heilmittel für die Seele.

Interessant ist die Frage des Umgangs der Kirche mit gleichgeschlechtlichen Paaren.

Elbs: Bei der Synode ist das Thema nur ein kleiner Punkt.

In der öffentlichen Wahrnehmung spielt es aber eine große Rolle.

Elbs: Im Papier ist es ein Absatz, der schon auf der letzten Synode festgelegt wurde. Darin steht, dass es keine Diskriminierung geben darf, dass man mit Wertschätzung und Achtung auf alle Menschen zugeht, egal welcher sexuellen Orientierung.

Also gleich wie bei heterosexuellen Paaren?

Elbs: Es ist natürlich ein Unterschied zwischen Beziehungen von Mann und Frau oder Beziehungen von zwei Männern. Das ist biologisch, psychologisch und theologisch etwas anderes. Eine Unterscheidung ist gerechtfertigt, aber es darf auf keinen Fall zur Diskriminierung  kommen.

Wie kann man sich eine Debatte darüber in der Synode unter Bischöfen vorstellen? Wird gestritten? Oder läuft es sehr vornehm ab?

Elbs: Ich war noch nie dabei, aber bei der letzten Synode soll es schon zu heftigen Diskussionen gekommen sein. Auch wenn man sich die Schriften im Vorfeld angesehen hat. Da wurden Vorwürfe erhoben, dass das Evangelium oder die Botschaft Jesu verraten würde. Das ist für einen Theologen so ziemlich das schlimmste Schimpfwort, das es gibt.

Wird in Vorarlberg genug für die Familien getan?

Elbs: Für Familien kann man nie genug tun. Es ist wahnsinnig, dass die größte Gefahr, in Armut zu geraten, eigene Kinder sind. Das darf nicht sein. So lange beide Eltern arbeiten müssen, fehlt die Wahlfreiheit. In dieser Hinsicht ist Handlungsbedarf angesagt. Auch bei der Familienbesteuerung könnte man etwas tun.

Gibt es Länder, die Vorbilder sind?

Elbs: Man müsste schauen, was andere Länder mit einer hohen Geburtenrate machen, wie Frankreich. Ich kann jetzt nicht sagen, was passieren sollte. Ich bin selber Single, da wäre es vermessen, Ratschläge in diese Richtung zu geben. Aber ich kann mir vorstellen, dass gute Betreuungsmöglichkeiten, finanzielle Unterstützung und Absicherung mehr Kinder zur Folge hätten.

Keine Ratschläge, weil Sie Single sind? Auf der Synode sitzen nur Singles.

Elbs: Nein, Gott sei Dank nicht (lacht). Mindestens 300 Singles, also Bischöfe, sind dabei. Aber es sind auch 100 andere Menschen vor Ort, mit Familien. Und dann gibt es die Fragebögen. Zwei Mal hat die katholische Kirche zu diesem Thema weltweit Fragebögen verteilt. Die Kirche sollte keine guten Ratschläge entwickeln und die dann einfordern.

Sondern?

Elbs: Mit den Menschen mitgehen, ihre Sorgen, Hoffnungen und Angst wahrnehmen und versuchen, die Menschen zu begleiten. Die Kirche ist das geistliche GPS. Sie begleitet, aber darf nicht sagen, was zu tun und was zu lassen ist. Diese Einstellung müssen wir ablegen.

Als Single wäre es vermessen, Ratschläge zu geben.

Benno Elbs

Zur Person

Benno Elbs
römisch-katholischer Bischof von Feldkirch

Geboren: 16. Oktober 1960

Ausbildung: Matura BG Gallusstraße, anschließend Studien Theologie und Psychologie in Innsbruck

Laufbahn: 2005 Generalvikar, 2011 Diözesanadministrator, 2013 der erste von Papst Franziskus ernannte deutschsprachige Bischof