Das erste Zuhause nach der Flucht

02.10.2015 • 18:25 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Einige Worte Deutsch sprechen Omid und Schockrolah bereits, ab Montag besuchen sie einen Deutschkurs. Foto: VN/Hartinger
Einige Worte Deutsch sprechen Omid und Schockrolah bereits, ab Montag besuchen sie einen Deutschkurs. Foto: VN/Hartinger

30 jugendliche Flüchtlinge haben in Dornbirn eine neue Wohngemeinschaft bezogen. 

Geraldine Reiner

Dornbirn. (VN-ger) Knapp zwölf Stunden dauerte die Fahrt, ehe am Mittwochabend gegen 22.30 Uhr der große Reisebus in der Dornbirner Bergstraße 31a vorfuhr. An Bord: Jugendliche aus dem Flüchtlingslager Traiskirchen.

Am Freitagmorgen ist bereits so etwas wie Alltag im Haus Karim eingekehrt. „Haben Sie got geschlafen? Wie geht es dir? Danke gut“, steht auf einer Tafel im Erdgeschoss geschrieben. Auf einer Bank sitzen Omid und Schockrolah (beide 15), auf dem Tisch vor ihnen liegt eine dicke Mappe. Deutsch-Dari, Dari-Deutsch. „Das Lernzimmer ist fast den ganzen Tag besetzt“, lobt Leiter Leonhard Preiss.

112 Jugendliche

In Vorarlberg werden derzeit 112 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (in Amtsdeutsch: UMF) betreut. Bislang standen dafür drei Quartiere – zwei für zwölf und eines für 16 Bewohner – zur Verfügung. „Um der Quotenerfüllung von 4,4 Prozent näherzukommen“, sollen in den kommenden Monaten vier Wohngemeinschaften für je 30 UMF dazukommen. Die erste dieser Größe wurde am Freitag in Dornbirn eröffnet. Die Bewohner stammen aus Afghanistan und Syrien, die jüngsten sind 14, die ältesten 17 Jahre alt. Betreut werden sie von neun Mitarbeitern der Caritas. Außerdem steht ein großes Netzwerk an Freiwilligen dahinter. „Junge Flüchtlinge brauchen eine besondere Betreuung und Unterstützung, um die deutsche Sprache zu lernen, sich mit der hiesigen Kultur auseinanderzusetzen und sich auf das Erlernen eines Berufes vorzubereiten“, betont Landesrätin Katharina Wiesflecker (51, Grüne). Das Bildungsniveau der Neuankömmlinge ist laut Preiss sehr unterschiedlich. Während die einen bislang keine Möglichkeit hatten, eine Schule zu besuchen, wurden andere kurz vor dem Schulabschluss in die Flucht getrieben. Eine Herausforderung.

Familie fehlt

Majd ist aus Syrien geflüchtet. Zwei Wochen war er unterwegs. „Der Weg war schwierig“, erzählt er. Wünschen würde sich der 14-Jährige im Moment vorallem eines: „Meine Familie.“ Und er möchte Deutsch lernen und Arzt werden wie sein Vater. Für Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien und Irak sei die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie bleiben können, meint Wiesflecker. Sobald die Jugendlichen den Aufenthaltsstatus erlangen, haben sie die Möglichkeit, ihre Eltern und minderjährigen Geschwister nachzuholen. „Es ist allerdings eine Frage der Zeit, ob es sich vor dem 18. Lebensjahr ausgeht“, merkt Preiss an. 

Bereits am Montag sollen die Sprachkurse in Räumlichkeiten der Offenen Jugendarbeit Dornbirn starten. Dort hat man sich außerdem zum Ziel gesetzt, die Kontakte zwischen Gleichaltrigen, die schon hier sind, und solchen, die neu dazukommen, zu fördern. Eines der Projekte nennt sich „Vorarlberger Erlebnisse ermöglichen“, das von sechs Jugendlichen ins Leben gerufen und vom Ideenkanal gefördert wurde. 

Unser Lernzimmer ist fast den ganzen Tag besetzt.

Leonhard Preiss