Debatte über die legale Tüte

Vorarlberg / 02.10.2015 • 19:38 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Das ist der Gegenstand der Diskussion: ein Joint. FotoS: VN
Das ist der Gegenstand der Diskussion: ein Joint. FotoS: VN

Zwei Suchtexperten, zwei Meinungen: Bernhard Amann und Reinhard Haller im Duell.

Schwarzach. Freunde werden sie wahrscheinlich keine mehr. Bernhard Amann, Suchtexperte und Gründer des Drogenberatungszentrums „Ex und Hopp“ und Reinhard Haller, Dr., Primarius und Experte für Suchtfragen. Das Zentrum „Ex und Hopp“ feierte am Freitag seinen 25. Geburtstag. Amann und Haller trafen sich zu diesem Anlass, um über Drogen und Sucht zu diskutieren. Dies tun sie auch in den VN. Die Vorarlberger Nachrichten stellten fünf Thesen zur Legalisierung von Cannabis auf und fragten die beiden Experten nach ihrer Meinung. Die ist oft gar nicht so weit entfernt.

Cannabis ist eine Einstiegs­droge.

Amann: Mit dieser dümmlichen Argumentation wird seit Jahrzehnten ein negatives Bild vermittelt, welches in keiner Weise stimmt. Für 98 Prozent der CannabisRaucher gilt dies nicht. Der Einstieg auf Substanzen wie Opiate oder Medikamente liegt daran, dass traumatische Erlebnisse wie Gewalt, Missbrauch, Mobbing oder psychische Krankheiten nicht aufgearbeitet wurden. Um die innere Unruhe zu stoppen, erfolgt eine Selbstmedikation durch stärkere Substanzen. Einstiegsdroge (diesen Begriff schätze ich eigentlich nicht) Nummer eins ist aus unseren jahrzehntelangen Erfahrungen der Alkohol.

Haller: Der Ausdruck „Einstiegsdroge“ ist ein Reizwort, das oft unsachgemäß verwendet wurde. Es ist nicht so, dass jeder, der Cannabis probiert oder manchmal raucht, sofort in der Suchtszene landet und eine Suchtkrankheit entwickelt. Die Wahrscheinlichkeit, zu härteren Drogen zu greifen, ist bei Cannabis-Rauchern 2,7 mal höher als bei Nichtkonsumenten.

Legalisierung dämmt den illegalen Drogenhandel ein.

Amann: Stimmt! Dadurch, dass Cannabis legal mit entsprechenden Qualitätskontrollen im offiziellen Handel verfügbar ist, sinkt trotz einer moderaten Besteuerung der Preis, sodass der illegale Handel nicht mehr attraktiv ist. Auch der Eigenanbau sollte, wie beim Branntweingesetz, einer Besteuerung unterliegen. Colorado ist das beste Beispiel dafür. Hier ist der illegale Handel verschwunden.

Haller: Eine Eindämmung ist wahrscheinlich, eine Unterbindung unmöglich. Die kriminellen Organisationen würden sich auf jene Bereiche und Substanzen zentrieren, in welchen es noch Verbote gibt, zum Beispiel, wo der Kinder- und Jugendschutz gilt. Es wäre naiv zu glauben, dass das Drogenkartell sich durch eine Legalisierung gleichsam bekehren und sich die illegalen Geschäfte nehmen lässt. Generell kann man das Suchtproblem weder durch Prohibition noch durch Legalisierung lösen. Beide Modelle haben versagt.

Cannabis macht süchtig.

Amann: Wie für alle Substanzen gilt: Die Dosis macht das Gift. Cannabis stufe ich als Genussmittel ein, das moderat genossen keinerlei negative Auswirkungen auf den Gesundheitszustand hat. Der überwiegende Teil der Konsumenten hat durch die eigene Erfahrung einen risikoarmen Konsum erlernt.

Haller: Wissenschaftlich ist es völlig unstrittig, dass Cannabis ein Abhängigkeitssyndrom, besonders auf psychischem Gebiet, hervorrufen kann. Das Suchtpotenzial von Cannabis ist allerdings nicht so schwer wie etwa bei Heroin oder Kokain.

Alkohol ist schlimmer als Cannabis.

Amann: Dies beweisen internationale, wissenschaftliche Studien schon seit geraumer Zeit. Alkohol richtet nicht nur psychisch, sondern auch organisch schwere Schäden an. Leber, Bauchspeicheldrüse, Verdauungsorgane und auch irreparable Gehirnschäden sind die Folge. Auch die Auswirkungen des Alkoholkonsums auf Gewaltdelikte sind nicht von der Hand zu weisen. Wenn ich mich Tag und Nacht permanent vollkiffe, ist dies natürlich nicht gesund. Aber ich kann nicht immer von einem Worst Case ausgehen. Cannabis ist inzwischen für bis zu einer Million Österreicher Teil ihrer Lebenskultur.

Haller: Alkohol hat zweifelsohne eine stärkere Organschädlichkeit als Cannabis. Das Ausspielen von verschiedenen Drogentypen ist allerdings abzulehnen. Alkohol ist nun einmal seit Jahrtausenden die Droge unserer Kultur und wir werden mit ihm auch weiterhin leben müssen. Eine abstinente Gesellschaft ist völlig unrealistisch. Ob man neben Alkohol aber andere Drogen in großem Stil braucht, darf bezweifelt werden.

Legalisierung würde Geld in die Staatskassen spülen.

Amann: Der Staat würde erheblich entlastet. Würde ein Gramm reines THC mit zehn Euro besteuert, würden mindestens 150 Millionen Euro an Steuern eingenommen. Weiters fallen mit 26.000 Anzeigen sämtliche Ermittlungsmaßnahmen weg. Die Justiz könnte sich auf die wirkliche Kriminalität konzentrieren, die Führerscheinstelle würde entlastet. Schlussendlich fallen die immensen volkswirtschaftlichen Schäden wie Arbeitsplatzverlust und Berufsverbot in Gesundheits- und Sozialberufen und öffentlichem Dienst weg. Allein die behördlichen Aufwände schätzen wir bei 150 Millionen Euro jährlich.

Haller: Dass der Staat mit Sucht immer schon Geschäfte gemacht hat, zeigen zahlreiche Beispiele mit Alkohol- und Tabakmonopolen, mit legalem Glückspiel, mit Kokahandel oder mit Cannabisabgabe. Alle Untersuchungen gehen aber davon aus, dass die Kosten der zunehmenden Süchte den Gewinn übertreffen.