„5000 Betten in fünf Jahren“

04.10.2015 • 19:10 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Visionen und Touris­musausbau: Herbert Bitschnau sieht Aufhol­bedarf im Montafon.

Tschagguns. „Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.“ Dieses Zitat hängt neben dem Schreibtisch des Tschaggunser Gemeindechefs Herbert Bitschnau, der im Mai die Funktion des Montafoner Standesrepräsentanten übernahm. Bitschnau ist Sprecher der zehn Talschaftsgemeinden mit 17.000 Einwohnern. Der vierfache Vater gilt als bodenständiger Kommunalpolitiker, der die Sach- über die Parteipolitik stellt und das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen versucht.

Herr Bitschnau, Sie sind seit etwas mehr als einhundert Tagen in Amt und Würden. Haben Sie den Schritt schon einmal bereut?

Bitschnau: Nein, bis heute gab es noch keinen solchen Moment. Die Aufgabe ist zwar mit mehr Arbeit verbunden, als ich gedacht habe. Es ist eine spannende Zeit, zumal die Finanzmittel in unseren zehn Gemeinden und beim Stand weniger werden. Es wird damit zunehmend schwieriger, gemeinsame Ziele unter einen Hut zu bringen.

Sind Sie sauer auf Ihre Parteifreunde im Land, die gegen eine Schließung des Schrunser Bezirksgerichts lange Zeit gewettert haben und diese jetzt plötzlich positiv beurteilen?

Bitschnau: Ich bin enttäuscht von der Argumentation und von der Geschwindigkeit, mit der das Ganze durchgezogen wird. Ich habe bei LH Markus Wallner mehrfach telefonisch und auch schriftlich deponiert, dass alle zehn Bürgermeister gegen eine Schließung sind. Ich kann es nicht beweisen, gehe aber davon aus, dass es ein Zugeständnis von Minister Wolfgang Brand­stetter gegenüber dem Land Vorarlberg gibt und wir Montafoner eben durch den Rost gefallen sind. Darüber hinaus behaupte ich, dass in dieser Frage systematisch vorgegangen wurde. Beispielsweise mit personellem Aushungern. Darunter litt naturgemäß auch die Qualität und die Frage tauchte auf, ob wir das Gericht überhaupt noch brauchen.

Zum Tourismus: Welche Schulnote zwischen eins und fünf würden Sie der Talschaft in Hinblick auf die touristische Struktur geben?

Bitschnau: Derzeit die Note Befriedigend, wobei die Tendenz leider Richtung Genügend geht. Vor allem im Bettenangebot haben wir ein Problem. Das Tal weist 70 Prozent nichtgewerbliche Betten auf. Hinzu kommt, dass alte Pensionsbetriebe, die vor zwanzig Jahren wirtschaftlich noch gut liefen, keine Nachfolger finden und zusperren. Diese Spirale dreht sich immer schneller, wir müssen alle Hebel in Bewegung setzen.

Was braucht es, damit der Talschaft in diesem wichtigen Bereich ein Nicht genügend erspart bleibt?

Bitschnau: Es geht vor allem darum, bis 2020 fünftausend zusätzliche Qualitätsbetten zu schaffen. Derzeit weist die Talschaft rund 17.000 Betten auf. 3-, 4- und 5-Stern-Hotels sind dabei aus meiner persönlichen Sicht nicht das Allheilmittel. Was wir brauchen, ist eine gesunde Durchmischung. Damit meine ich zwei Drittel gewerbliche und ein Drittel nichtgewerbliche Betten. Um dieses zusätzliche Bettenangebot erreichen zu können, brauchen wir so schnell wie möglich eine Art Leuchtturmprojekt. Konkrete Pläne werden sowohl im inneren Montafon als auch in Schruns gewälzt. Es ist leider ein Faktum, dass in den letzten zwei Jahrzehnten kein einziges Hotel auf der grünen Wiese im Montafon eröffnet worden ist.

Wie schätzen Sie persönlich die generelle Stimmung unter den Montafoner Touristikern ein?

Bitschnau: Ich vermisse teilweise persönliches Engagement bei manchen Touristikern. Manche ortsansäßigen Touristiker haben sich in den vergangenen Jahren zurückgelehnt und das Feld den Bergbahnen überlassen. Die Bahnbetreiber von der Silvretta Montafon bis zu den Illwerken haben viel geschaffen, sie haben ihren Job hervorragend erledigt. Wenn wir in der Struktur nicht mithalten, und es uns nicht gelingt, das Gastronomie- und Bettenangebot auszubauen, sehen sich die Bahnbetreiber gezwungen, verstärkt auf den Tagestourismus zu setzen. Das kann nicht das Ziel sein.

Ist die Verlängerung der Montafonerbahn noch Thema oder wurde das Vorhaben klammheimlich schubladisiert?

Bitschnau: Ganz im Gegenteil, das Thema Mobilitätsachse ist nach wie vor aktuell. In dieser Frage bin ich als Standesrepräsentant missionarisch in den Gemeinden unterwegs. Es geht um eine Grundsatzentscheidung in den Kommunen und nicht um die Führung einer künftigen Trasse. Alle müssen dafür sein, es gibt noch Vorbehalte und Ängste. Ziel wäre es, noch im Herbst eine vom Land geförderte Machbarkeitsstudie in Auftrag geben zu können. Dadurch würde auch eine gewisse Kostensicherheit geschaffen.

In Zeiten schrumpfender Einnahmen ist auch die Rede von Gemeindefusionen. Auch Martin Netzer als Ihr Stellvertreter im Stand hat dies vorgeschlagen. Wie sehen Sie das?

Bitschnau: Es ist nicht wichtig, dass ein Stellvertreter die gleiche Meinung vertritt wie der Standesrepräsentant. Ich kann der Idee nichts abgewinnen und bin ein Befürworter von Kooperationen. In diesem Bereich können wir noch vieles machen.

Wie lange wollen Sie das Amt als Standesrepräsentant ausüben?

Bitschnau: Um in der Talschaft wirklich etwas bewegen zu können, braucht es mindestens zwei Perioden, also zehn Jahre.

Wir fühlen uns vom Land oft missverstanden. Vielleicht sind wir im Artikulieren nicht die Besten.

Herbert Bitschnau

Zur Person

Herbert Bitschnau

Gemeindechef von Tschagguns und seit dem 12. Mai 2015 Montafoner Standesrepräsentant

Geboren: 12. Juli 1960

Familie: Lebensgemeinschaft, vier Töchter

Hobby: Mountainbike, Skifahren und -touren sowie Volleyball