Hanno Loewy

Kommentar

Hanno Loewy

Das Interview. Eine Posse

Vorarlberg / 04.10.2015 • 19:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ich versuche immer wieder zu verstehen, wie Journalismus funktioniert. Und da unser Tag meistens mit dem Ö1 Morgenjournal beginnt, sind wir inzwischen etwas verdorben. Jedenfalls muss man sich davor hüten, die Radionachrichten mit Journalismus zu verwechseln.

Es gibt Journalisten, die machen sich die Mühe, etwas herauszufinden, was noch niemand weiß. Das ist vor allem dann spannend, wenn es die Journalisten vorher auch noch nicht wissen. So etwas nennt man Neugier, das ist eine sehr wertvolle Eigenschaft, auch wenn sie manchmal nervt.

Meistens braucht man eine Weile, um etwas Neues herauszufinden, es kostet Zeit, und die fehlt den Medien. Man muss sich darauf einlassen, Menschen zu begegnen (statt sie vorzuführen), ihr Vertrauen zu gewinnen (und nicht zu missbrauchen), und sich darüber zu freuen, wenn man hinterher selber ein ganz kleines Bisschen klüger geworden ist.

Und dann gibt es noch die ORF-Nachrichten. Die Interviews, die da geführt werden, haben vielleicht mit einer Leidenserfahrung begonnen. Politiker aller Couleur wollen nicht immer sagen, was sie denken. Eigentlich meistens nicht. Es sei denn, sie sind schamlos, dann machen sie aus ihrer Mördergrube kein Herz und Politik mit der Angst, wie jetzt besonders im Osten der Republik. Aber die meisten Politiker machen eher den Eindruck, sie hätten irgendwas zu verbergen. Vielleicht haben sie auch recht damit? Wollen denn die Leute unbequeme Wahrheiten hören?

Inzwischen tun mir die Politiker fast leid. Hat ihre Weigerung, etwas zu sagen, auch mit ihren Interviewern zu tun? Die wissen nämlich schon vorher immer, was sie hören wollen. Wenn zum Beispiel der Interviewer den bayrischen Innenminister befragt, dann will er nicht etwas Neues erfahren, sondern einen bestimmten Satz hören, zum Beispiel, „dass Frau Merkel einen Fehler gemacht hat, alle Flüchtlinge reinzulassen“. Und er hakt fünf Mal nach, wenn der arme Mann sich weigert, diesen Satz aufzusagen. Er will nämlich nichts erfahren, er will eine Nachricht. Und eine Koalitionskrise ist für ihn die Mutter aller Nachrichten. Am besten, ein Ereignis, das man selber erfunden hat, diese Nachricht hat man dann nämlich „exklusiv“. Deswegen fragt auch jeden Tag ein ORF-Reporter irgendeinen Schwarzen oder irgendeinen Roten, ob sie nicht anderer Meinung seien als ihre Koalitionspartner.

Da, wo ich herkomme, ist eine Meinungsverschiedenheit in einer Koalition etwas ganz Normales. Sonst wären die Leute ja nicht in verschiedenen Parteien. Aber jeden Tag mühen sich Legionen von ORF-Journalisten damit ab, eine neue Meinungsverschiedenheit in der Koalition zu „finden“ und daraus einen „Koalitionsstreit“ zu machen. Und immer wieder mal geht ihnen einer auf den Leim. Diesmal der Vizekanzler.

Warum fragt keiner von diesen Leuten eigentlich mal was Originelles? Zum Beispiel Herrn Strache oder Herrn Orban, wie sie den Bürgerkrieg in Syrien oder im Irak beenden wollen, damit nicht so viele Flüchtlinge kommen. Was zum Beispiel halten sie von den Luftangriffen ihres Freundes Putin und seinem Versuch, Präsident Assad zurück an die Macht zu bomben? Oder wie Integration aussehen soll, wenn man die Leute am liebsten gleich wieder zurückschicken will? Irgendeine andere interessante Frage. Jeden Morgen warten wir darauf. Wir geben die Hoffnung nicht auf.

Politiker aller Couleur wollen nicht immer sagen, was sie denken.

hanno.loewy@vorarlbergernachrichten.at
Hanno Loewy ist Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems.