Qualitätsvorgaben anstatt Gießkanne für die Pflege

05.10.2015 • 18:01 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Katharina Wiesflecker regelt die Heimbauten neu.

Katharina Wiesflecker regelt die Heimbauten neu.

Die grüne Sozialsprecherin im Nationalrat fordert entsprechende Änderung im Pflegefonds.

Bregenz. (VN-mm) Die Menschheit wird älter, der Pflegebedarf entsprechend steigen. Ambulante und stationäre Betreuung gehen enorm ins Geld. Der Pflegefonds, aus dem ein Gutteil der finanziellen Mittel stammt, gehört entsprechend adaptiert, meint die grüne Sozial- und Familiensprecherin im Nationalrat, Judith Schwentner, die ihrer Parteifreundin, Landesrätin Katharina Wiesflecker, gestern Montag einen Besuch abstattete. Vor allem sollte die Verteilung des Geldes an verbindliche Qualitätskriterien gebunden sein.

Sie haben sich einige für die Pflege wichtige Einrichtungen im Land angesehen. Kann Vorarlberg ein Vorbild bei der Bewältigung der Pflegeaufgaben sein?

Schwentner: Ich denke, schon. Das Case- und Care-Management beispielsweise scheint für andere Bundesländer nachahmenswert zu sein, weil dieser Schnittstellenbereich vielfach nicht entsprechend ausgebaut ist. Auch den Betreuungspool finde ich bemerkenswert, auch wenn er nicht die gesamte häusliche Betreuung abdeckt. Aber es gibt sehr viele Beschäftigte in der 24-Stunden-Betreuung. Und eines der größten Probleme da ist der Wildwuchs der Agenturen. Das in irgendeiner Form in den Griff zu bekommen und mit Qualität für beide Seiten zu verbinden, halte ich für sehr interessant.

Es gibt Befürchtungen, dass es zu einem Pflegenotstand kommen könnte, wenn Deutschland ebenfalls das Gewerbe der selbstständigen Personenbetreuung einführt. Teilen Sie diese Skepsis?

Schwentner: Für mich stellt sich eher die Frage, ob die 24-Stunden-Betreuung die Antwort auf das ist, was noch im Pflegebereich auf uns zukommt.

Ist sie das?

Schwentner: Das würde ich bezweifeln. Sie ist notwendig, aber in Bezug auf den demografischen Wandel und die Qualität der Betreuung sicher nicht ausreichend.

Was wäre dann notwendig?

Schwentner: Es muss überlegt werden, wie der Pflegefonds neu ausschauen kann. Der Bund soll nicht nur gießkannenartig Geld über die Länder schütten, sondern das auch mit verbindlichen Qualitätskriterien ausstatten. Von Vorarlberg bis ins Burgenland muss es die gleiche Qualität geben, müssen Vorgaben einheitlich gesteuert werden.

Woher muss der Druck kommen, dass diese Sache angegangen wird?

Schwentner: Es handelt sich um einen Bereich, bei dem Leute, wenn sie jünger sind, nicht gerne hinsehen. Es gilt also, dieses gesellschaftliche Tabu aufzubrechen. Auch Medien nehmen den Pflegebereich noch nicht ausreichend als politisch wahr. Und es ist ein Bereich, durch den sich Politiker gut durchwursteln können. Dabei sollte, was man sich bei Kindern leistet, nämlich eine gute Betreuung, auch im Alter der Fall sein. Solange Menschen fit sind und Zalando-Frauen online einkaufen können, passt es. Die Pflege als Wert der Gesellschaft wird leider ausgeklammert.

Ist die Pflegeversicherung noch ein Thema?

Schwentner: Nein, denn der Faktor Arbeit ist in Österreich schon jetzt sehr hoch belastet. Die Pflegeversicherung wäre eine Belastung mehr. Zum anderen wissen wir aus Deutschland, dass dort immer noch zugezahlt werden muss, weil die Pflegeversicherung nicht ausreicht, um die Pflege tatsächlich abzudecken. Das wäre auch bei uns der Fall. Wir meinen, man sollte bei der Pflegefinanzierung endlich über die Erbschaft- und Vermögensteuer reden.

Was halten Sie von der Pflegelehre?

Schwentner: Ehrlich gesagt, wenig. Die Betriebsdienstleistungslehre finde ich eher nachvollziehbar. Bei der Pflegelehre bin ich skeptisch in Bezug auf das Alter der Personen bzw. ob das wirklich die Antwort darauf ist, dass wir qualitativ hochwertiges Personal im Pflegebereich brauchen.

Judith Schwentner hat viele Forderungen. Fotos: VN/Paulitsch
Judith Schwentner hat viele Forderungen. Fotos: VN/Paulitsch