Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Federball

06.10.2015 • 18:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Emil und Lotte wohnten ein paar Häuser voneinander entfernt, kannten sich, seit sie Kinder waren, hatten sich aus den Augen verloren, jetzt sahen sie sich wieder, ab und zu. Sie redeten über die Jahreszeiten.

An einem Donnerstag trat Emil aus dem Haus, Lotte ging an seiner Hecke vorbei, er sah sie an und dachte, sie sieht so frisch aus. Er versuchte ein Gespräch:

„Stell dir vor, woran ich mich heute erinnert habe.“

„Ja?“, fragte sie.

„Nämlich, wie du auf der Straße mit deinem Bruder Federball gespielt hast. Ihr habt gezählt, weit über hundert, bis der Ball auf den Boden fiel.“

„Das ist lange her“, sagte Lotte.

„Und weißt du, warum mir das eingefallen ist? Ich habe beim Räumen mein altes Federball-Spiel gefunden. Es hat noch einen Holzrahmen. Willst du es sehen?“

Er wartete ihre Antwort nicht ab und lief ins Haus, kam gleich wieder zurück, offenbar waren die Schläger direkt hinter der Tür gestanden.

„Ich wünschte“, sagte er, „du würdest ein Spiel mit mir machen, bevor ich sterbe.“

„Bist du denn krank?“, fragte Lotte.

„Nein, das sage ich nur, um die Dringlichkeit zu betonen. Es wäre ein Wunsch von mir.“

„Ich bin auf dem Weg zum Bahnhof“, sagte Lotte, „zum Zahnarzt.“

„Es muss nicht heute sein, wir nehmen einen sonnigen Tag, ohne Wind, und wir fahren ins Ried.“

„Warum nicht?“, sagte sie, „wird vielleicht lustig.“

„Morgen“, sagte er, „15 Uhr, vorausgesetzt es windet nicht?“

Er wollte den Termin fixieren, hatte Sorge, dass ihr Treffen sonst nicht zustande käme.

Lotte und Emil standen im Ried, beide den Federballschläger in der Hand, das Gras war feucht, die Luft frisch. Sie spielten sich zu, und bald verwehte es den Ball.

Sie setzten sich auf die Bank unter der Kiefer. Lottes Frisur kam in Unordnung, und Emil strich ihr eine Strähne aus der Stirn.

„Erinnerst du dich“, sagte er, „als ich dich und deinen damaligen Freund am Zollamt überprüfte? Es hatte einen Tipp gegeben, und ich war der Zuständige.“

Lotte erinnerte sich. Sie war mit ihrem Freund aus der Schweiz gekommen, beide um die zwanzig, er hatte Drogen bei sich.

Emil, der Zöllner, sah damals auf Lotte und ihre aufgerissenen Augen, ihren flehenden Blick, und er winkte sie durch.

Der Freund wurde bald darauf verhaftet, da war Lotte nicht mehr die Seine.

„Ja“, sagte Lotte „das habe ich dir nie vergessen, und jedes Mal, wenn ich dich traf, ist mir das wieder eingefallen, dir sicher auch.“

Emil nickte und strich ihr erneut über die Stirn. Sie lehnte sich an seine Schulter, und beide wussten, sie brauchten kein Spiel mehr, um sich zu treffen.

Lotte und Emil standen im Ried, beide den Federballschläger in der Hand.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.