Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Der Geist

07.10.2015 • 17:50 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Wut ist zum Greifen, in Zeiten wie diesen, Ängste, Verzweiflung an der Politik, Ratlosigkeit, als stockten die Argumente in einer spastischen Kolik. Frau Ammann sitzt bebend am Emsbach. Ich setze mich zu ihr. Ein Riss geht durchs Land. Dabei sind doch Mut und Vernunft Gebot der Stunde, sagt sie, denn Angst und Hetze, Mauern und Stacheldrähte werden keine Lösung bringen, sie polarisieren, stiften Unfrieden und vernebeln vielleicht die Chance, die im Chaos steckt. Ein Drittel der jungen Kerle aus Syrien und Afghanistan hat genügend Vorbildung, um in absehbarer Zeit in den Arbeitsmarkt integriert zu werden, zwei Jahre, sagen Experten und sie könnten bald schon für die Pensionen derer aufkommen, die sich jetzt vor ihnen fürchten, sagt Frau Ammann, ohne Zuwanderung wird unser Sozialsystem einst kollabieren, das ist eine demografische Gewissheit.

Der Zulauf ins rechte Eck liegt weniger in der Logik als im Reich der Instinkte begründet, umso mehr als der Geist, der durch die Reihen der Hetzer weht, einschlägige Wurzeln hat. Frau Ammann zitiert den Ex-Spindoktor der FPÖ, Stefan Petzner, der in seinem Buch aus dem Nähkästchen plaudert: „Mein Job war es, Stimmen zu maximieren, da hat für uns die Koketterie mit Nazi-Codes dazugehört. Moralische Diskussionen führen Philosophen, nicht Spindoktoren.“ Logo. Wer braucht da die Keule? Straches Leute legen noch zu: „Kauft nicht bei Flüchtlingshelfern“, „Parasiten zurück in die Heimat“, „Gashahn auf“. Pikanterie am Rande: Die Melodie dieser Codes kommt ausgerechnet im Bezirk Braunau (56 Prozent FPÖ) am besten an.

Natürlich ist der Frust über die Regierungsparteien nachvollziehbar, viele Fehler sind begangen worden, zu naiv, zu schwerfällig, zu bürgerfern und doch: Österreich, Deutschland und Schweden gelten den Flüchtlingen als gelobte Länder, ein Status, dessen Rahmen die beiden vielgescholtenen Großparteien geschaffen haben, nicht die FPÖ. Selbige hat, als sie an die Tröge der Macht kam, die größten Finanzskandale der Zweiten Republik mitverantwortet. Alles vergessen. Wie sagt Herr Petzner? „Rechts­populisten sollten nicht über zehn Prozent und nicht zu Regierungsverantwortung kommen. Sie sind regierungsunfähig.“

Vernunft und Herz der Mehrheit werden den Geist in Schach halten müssen, hofft Frau Ammann.

Österreich, Deutschland und Schweden gelten den Flüchtlingen als gelobte Länder.

reinhold.bilgeri@vorarlbergernachrichten.at
Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher,
er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.