„Zum Teil unerträglich“

Vorarlberg / 08.10.2015 • 19:34 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Edin Sarcevic lehrt Europa-, Völker- und öffentliches Recht.
Edin Sarcevic lehrt Europa-, Völker- und öffentliches Recht.

Nicht nur rechte Politiker, auch katholische Priester schüren Angst, sagt Edin Sarcevic.

Heidi Rinke-Jarosch

FELDKIRCH. Er nahm an einer Friedenskonferenz in Wien teil, als serbische Freischärler seine bosnische Heimatstadt Sanski Most ethnisch säuberten. Das war 1992, nachdem sich der Jugoslawienkrieg von Kroatien auf Bosnien verlagert hatte. Als bosnischer Muslim konnte Edin Sarcevic lange nicht mehr in sein Herkunftsland zurückkehren und war so zu einer Art Flüchtling geworden – wenn auch unbeabsichtigt.

Der Bosnienkrieg wurde im Dezember 1995 beendet. Edin Sarcevic ist mittlerweile gleichzeitig in Deutschland, Bosnien-Herzegowina und Österreich zuhause: in Leipzig lehrt der Professor öffentliches Recht sowie Europa- und Völkerrecht, in Sarajevo ist er am Kompetenzzentrum für Öffentliches Recht tätig. In Feldkirch verbringt er die verbleidende Zeit mit seiner Frau Dina, die als Biochemikerin am Landeskrankenhaus Feldkirch arbeitet.

Wie sehen Sie die derzeitige Flüchtlingssituation im Vergleich zu jener während des Jugoslawienkrieges in den 1990er-Jahren?

Sarcevic: Bei einem Besuch bei meinen Kindern in Wien, die dort studieren, habe ich sehr viele Flüchtlinge gesehen. Das hat mich an die damalige Situation in Bosnien erinnert. Für mich war es zu jener Zeit unmöglich, nach Bosnien zurückzukehren. Heute ist es beispielsweise für Syrer unmöglich, nach Syrien zurückzukehren.

Österreich hat von 1992 bis 1995 rund 90.000 Flüchtlinge aus Bosnien aufgenommen. Aus Syrien sind seit 2011 etwa 19.000 Asylwerber gekommen. Warum ist die Angst vor vielen Flüchtlingen jetzt so groß?

Sarcevic: In jedem Land hat man Angst vor Flüchtlingsströmen, welche wie derzeit in diesem Maße Österreich, viel mehr jedoch Deutschland, betreffen. Die Angst wird hauptsächlich politisch provoziert. Dahinter sind wohl wirtschaftliche Gründe. Denn durch die vielen Flüchtlinge ändert sich die Sozialstruktur.

In Österreich profitieren die Freiheitlichen von der Angst vor „zu vielen“ Flüchtlingen. Auch viele Ihrer Landsleute, die einst selber als Flüchtlinge kamen, wenden sich der FPÖ zu. Wieso?

Sarcevic: Das ist ein unfassbares Phänomen – ein politisches Fehlverhalten. Da zeigt sich einmal mehr, dass die Menschen nicht in der Lage sind, aus der Geschichte zu lernen. Das ist auch in Bosnien nicht anders. Dort herrschen die alten politischen Strukturen. Seit 20 Jahren, seitdem der Dayton-Vertrag implementiert wurde, regieren dort die gleichen Machthaber. Diese Leute beuten die Bevölkerung gnadenlos aus und werden trotzdem immer wieder gewählt.

Rechte Gruppierungen drohen, dass durch die große Anzahl muslimischer Flüchtlinge der „Niedergang der abendländischen Kultur“ bevorstehe. Wie sehen Sie das?

Sarcevic: Eine dumme Argumentation ist das. Sie beruht auf der Annahme, dass mit gesunder menschlicher Vernunft diese Thematik nicht beurteilt werden kann. Es sind aber nicht nur rechte Politiker, die Menschen mit solchem Gedankengut füttern und folglich Ängste produzieren, sondern auch katholische Priester. Das, was ich hier schon aus gläubigen Kreisen gehört habe, ist zum Teil unerträglich.

Warum schließen sich in Österreich lebende bosnische Muslime – vor allem junge – dem IS (Islamischer Staat) an?

Sarcevic: In Bosnien waren die Muslime die Kriegsverlierer. Zudem hat die Internationale Gemeinschaft enorme Ungerechtigkeiten in Kauf genommen. Ein Beispiel: Laut Dayton-Vertrag wurde das Genozid-Gebiet Srebrenica den Serben gegeben – also jenen, die den Genozid begangen haben. (Im Juli 1995 wurden in der Region der bosnischen Stadt Srebrenica etwa 8000 bosnisch-muslimische Männer von serbischen Paramilitärs getötet. Anm. Red.) Die Muslime sehen das als ungerechte Entscheidung und sind frustriert. Was die hier lebenden jungen Bosnier betrifft, die nach Syrien zum IS gehen, ist deren Verhalten krankhaft. Es ist völlig unverständlich, dass Menschen, die hier von einem System mit so vielen Vorteilen profitieren, sich für das System des IS entscheiden.

Zur Person

Prof. Dr. Edin Sarcevic

Geboren: 16. Juni 1958

Wohnorte: Leipzig, Sarajevo, Feldkirch

Laufbahn: Studium der Rechtswissenschaften, Promotion und Habilitation. Professur an der Leipziger Universität

Familie: verheiratet mit Dina, Vater von drei studierenden Kindern