Danken führt zur Lebensfreude

09.10.2015 • 16:34 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Während ich diese Zeilen schreibe, treibt der Föhn wie ein riesiger Besen das Laub über die Plätze und die Straßen, hüllen Nebel die Berge ein und kündigen einen Kältesturz an. Immer wenn dies geschieht, gelten für uns wie in jedem Herbst die Zeilen von Rainer Maria Rilke:

HERR: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,

und auf den Fluten lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;

gib ihnen noch zwei südlichere Tage,

dränge sie zur Vollendung hin und jage

die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,

wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

und wird in den Alleen hin und her

unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Wenn wir jetzt die riesigen Flüchtlingsströme sehen, in denen Menschen quer durch Europa ziehen und ein neues Zuhause suchen, dann wirken diese Zeilen noch viel prekärer, Wer jetzt kein Haus hat . . . Unser Inneres wird dadurch wohl stark bewegt und zum Helfenwollen angetrieben, auch wenn wir nicht wissen, wie alles ausgeht.

Darum dürfen wir heuer, wenn wir Erntedank feiern, noch viel dankbarer werden für das, was wir so oft für selbstverständlich hielten. Ein Zuhause zu haben, Brot zu haben, Frieden zu haben, Freunde zu haben. Es ist für uns alle keine Selbstverständlichkeit, dass wir all das haben dürfen, was uns gegeben ist. Darum glaube ich, verdient es unser Wohlstand, dass wir täglich danken.

Ein jüdischer Rabbi wurde einmal gefragt, warum die Israeliten bei ihrem Zug durch die Wüste immer nur so viel Manna fanden, dass es für einen Tag reichte; warum kam nicht Manna für ein ganzes Jahr auf einmal herab?

Der Rabbi antwortete mit einem Gleichnis: „Ein König hatte einen Sohn. Er setzte ihm seinen Unterhalt für das ganze Jahr fest, und der Sohn begrüßte das Angesicht seines Vaters nur einmal im Jahr. Da machte sich der Vater auf und setzte den Unterhalt des Sohnes für jeden Tag einzeln fest.

Dafür begrüßte der Sohn das Angesicht seines Vaters von nun an täglich“ . Und der Rabbi fuhr fort: „Der Dank gerät leicht ins Vergessen, wenn er nicht täglich geübt wird!“

Täglich Danke sagen, hilft uns in unserm Leben weiter, lässt die Lebensfreude steigern.

Jeden Morgen schon können wir danken, dass wir aufstehen können, dass uns die Beine tragen, dass uns gesunde Luft geschenkt ist, dass wir sehen und hören können, dass die Wohnung warm ist, dass Wasser aus dem Brunnen fließt, dass wir uns reinigen können, dass wir genug zum Frühstück haben, dass Strom aus der Steckdose kommt, dass schon so viele für uns arbeiten, dass der Omnibus fährt, die Schule und der Kindergarten offenstehen, dass die Arbeitsstelle uns Verdienst schenkt, dass uns Menschen grüßen, helfen, trösten, ermuntern und weiterhelfen. Dass wir uns lieben lassen dürfen und wir Liebe verschenken können, dass uns ein ungewöhnliches Wort trägt oder eine schöne Melodie begleitet.

Wenn wir ein Brot in den Händen halten, könnten wir einmal nachdenken, wer wohl alles schon gearbeitet hat, dass dieses Brot zustande kam: Der Bauer, der Landmaschinenbauer, die Arbeiter an den Energiequellen, der Transporter, der Müller, der Bäcker, die Verkäuferin und noch viel mehr.

Durch den ganzen Tag wird uns so viel geschenkt, dass es sich rentieren würde, einmal am Abend nachzudenken und all das aufzuschreiben, wofür und wieviel Menschen man dankbar sein könnte. Dann können wir uns reich beschenkt fühlen.

Ich glaube durch diese Dankbarkeit würde die Zufriedenheit in uns wachsen und wir wären sicher auch besser bereit, einem Notleidenden zu helfen.

Ich wünsche uns allen, dass wir diese Dankbarkeit erlernen und üben, ihren Reichtum entdecken, denn sie schenkt viel wertvolle Freude.

Rudolf Bischof,
Generalvikar, Feldkirch