Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Öffentliche Träume

13.10.2015 • 18:03 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Neulich am Abend hatte ich das Glück, bei einer Veranstaltung im Parlament Angela Davis zuzuhören. Wenn Sie meiner Generation angehören, werden Sie diese Frau kennen. Sie ist eine schwarze amerikanische Bürgerrechtlerin, Philosophin und Schriftstellerin. Sie wurde in den 70er-Jahren zur Symbolfigur im Kampf um die Rechte von politischen Gefangenen. Sie engagierte sich ab den 1960er-Jahren für die Kommunistische Partei in den USA und war bei der Black Panther Party aktiv.

Sie sprach in Wien über die amerikanischen Waffengesetze, darüber, was ein freier Zugang zu Waffen anrichten kann. Selbst Kinder lernen von ihren Eltern, mit Schusswaffen umzugehen. Vor wenigen Tagen erst hat ein Elfjähriger einem neunjährigen Mädchen in die Brust geschossen, weil das Kind seinen Hund nicht schön fand. Er musste die Waffe seines Vaters nur aus der Schublade holen.

Angela Davis sagt: „Waffen gehören in den öffentlichen Abfalleimer der Geschichte.“ Wenn es möglich war, die Sklaverei abzuschaffen (was vor 150 Jahren unmöglich erschien), muss es auch gelingen, die Waffen abzuschaffen. Warum soll die Polizei bewaffnet sein? In England tragen Polizisten keine Schusswaffen, sondern nur Schlagstöcke. Muss es Gefängnisse geben, in denen 80 Prozent Schwarze auf ihre Freilassung oder auf die Todesstrafe warten? Man sollte über Alternativen nachdenken.

Die meisten Straftäter kommen aus einem benachteiligten Milieu. Ihre Situation verschlechtert sich, wenn sie eingesperrt werden, sie verlieren ihre Arbeit, die Wohnung, ihre Beziehungen scheitern, ihre Kinder entfremden sich. Also ist es so, dass Menschen, denen es schlecht geht, durch ihre Inhaftierung in noch schlechtere Verhältnisse gelangen. Oft steht ihre Bestrafung in keinem Verhältnis zur Straftat. Anstatt sich mit dem Opfer auszusöhnen und Buße zu tun, verhärtet sich der Täter im Gefängnis, kommt nicht geläutert zurück, wie wir es erhoffen, sondern voller Ressentiments und Hass.

Angela Davis weiß, wovon sie spricht. Sie saß eineinhalb Jahre unschuldig im Gefängnis. Ihr wurde vorgeworfen, sie habe bei einer politisch motivierten Schießerei Beihilfe geleistet. Ihr drohte die Todesstrafe. „Im Kopfstand“, sagte sie und lächelte, „lernt sich gut denken.“ Sie meinte das wörtlich. Im Gefängnis habe sie Yoga gelernt: gegen den Stress und gegen die Angst.

Die Achtung vor jedem Menschen ist moralisches Gesetz. Das, erzählte sie, wurde ihr kürzlich wieder bewusst, als sie Flüchtlinge mit einem Transparent sah, auf dem geschrieben stand: „Es gibt keine illegalen Menschen.“

Wenn es möglich war, die Sklaverei abzuschaffen, muss es auch gelingen, die Waffen abzuschaffen.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.