„Helfe jetzt, so gut ich kann“

Vorarlberg / 14.10.2015 • 20:13 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Zwischen 1992 und 1995 flüchteten zahllose Bosnier, zum Teil auch mit Hilfe der UN-Truppen. Foto: VN/HRJ
Zwischen 1992 und 1995 flüchteten zahllose Bosnier, zum Teil auch mit Hilfe der UN-Truppen. Foto: VN/HRJ

Rasim Hasovic kam selbst als Flüchtling ins Land. Jetzt reicht er Syrern die Hand.

Heidi Rinke-Jarosch

HÖRBRANZ, SCHWARZACH. Sechs Monate hat seine Flucht vor den Kriegswirren in Bosnien gedauert, bis er an einem kalten Novembertag 1992 in Bregenz gelandet ist.

Rasim Hasovic (65) kommt aus Cajnice, einem Ort nahe Gorazde. Diese Stadt in Ostbosnien wurde während des Bosnienkrieges (1992 bis 1995) heftig umkämpft. Mit der Vertreibung von Zivilisten aus der Umgebung von Gorazde wurde bereits im ersten Kriegsjahr begonnen.

Als Kind einer Mischehe – Hasovic ist halb muslimisch, halb orthodox – sind er und seine Angehörigen von den Säuberungsaktionen aller Kriegsparteien bedroht. Seine Ehefrau und die zwei zwölf bzw. sieben Jahre alten Söhne hat er bereits im April nach Serbien zu Verwandten gebracht. „Am 5. Mai fielen die ersten Schüsse in Cajnice“, erzählt Hasovic. „Und ich wusste, jetzt muss ich gehen.“ Er setzt sich in seinen alten Lada, fährt nach Montenegro und weiter nach Serbien.

Dort holt Hasovic Frau und Kinder ab. Die Fluchtroute der Familie führt weiter nach Ungarn und von dort nach Kroatien in die ostslawonische Stadt Osijek. Das Ziel ist jedoch Deutschland. So geht es retour nach Ungarn. Dort streikt das Auto. Ein freundlicher Ungar repariert es, und er lädt die Familie ein, bei ihm zu übernachten.

An Grenze durchgewinkt

Tags darauf reisen die Hasovics Richtung Österreich weiter. „An der österreichischen Grenze winkte uns der Zöllner einfach durch. Ich kann mir das bis heute nicht erklären.“ Beim Versuch, nach Deutschland zu gelangen, wird die Familie nach Österreich zurückgewiesen. Das Gleiche passiert an der Schweizer Grenze. So treffen die Flüchtlinge an jenem Novembertag in Bregenz
ein. Die Polizei schickt die Familie zur Caritas nach Feldkirch, die für Unterkunft und Betreuung in Thüringen sorgt.

1995 erhalten die Hasovics den Flüchtlingsstatus. Rasim, der in Bosnien als Bilanzbuchhalter gearbeitet hatte, absolviert die Ausbildung zum Pflegehelfer und wird im Sozialzentrum Hörbranz angestellt. Seine Frau bekommt Arbeit als Küchenhilfe im Salvatorkolleg. In Hörbranz sei er überglücklich, sagt Hasovic heute, zwei Jahrzehnte später. „Wir haben alles erreicht, um ein normales Leben zu führen.“ Inzwischen hat er den bosnischen Kulturverein „Most“ (Deutsch: Brücke) gegründet, der sich durch Integrationsprojekte auszeichnet, und ist passionierter Schachspieler geworden – er spielt in der Vorarlberger Liga.

Seit die Flüchtlingswelle aus Nahost nach Europa schwappt, wird Hasovic immer wieder an seine eigene Vergangenheit erinnert. „Da kommen oft Emotionen in mir hoch“, sagt er. „Die meisten Flüchtlinge sind unschuldige Menschen, die nur eines wollen: überleben. Ich habe noch nie gehört, dass jemand aus Spaß geflüchtet ist.“ Jedem Menschen sollte eine Chance für ein Leben in Würde gewährt werden.

Freundschaft geschlossen

Als im Sommer die ersten syrischen Flüchtlinge in Hörbranz angekommen sind, sei er sofort zu ihnen gegangen. „Mir wurde damals geholfen. Jetzt helfe ich – so gut ich kann.“ Materielles könne er kaum bieten, denn er habe nicht viel. „Aber die Zimmereinrichtung, die wir vom Bürgermeister bekommen haben, als wir 1995 nach Hörbranz übersiedelten, schenkten wir einer syrischen Flüchtlingsfamilie weiter.“ Mit dem Familienoberhaupt hat sich der Bosniake angefreundet. „Er ist in der gleichen Lage, in der ich damals war: Auch er ist Flüchtling, verheiratet und Vater von zwei Kindern.“

Eine Rückkehr nach Bosnien kommt für Rasim Hasovic übrigens nicht mehr infrage. „Bosnien ist meine alte Heimat, Österreich meine neue. Hier lebe ich, hier habe ich Familie, Freunde, den Schachverein und ‚Most‘.“

Die meisten Flüchtlinge wollen nur eines: überleben.

Rasim Hasovic
Zwischen 1992 und 1995 flüchteten zahllose Bosnier, zum Teil auch mit Hilfe der UN-Truppen. Foto: VN/HRJ
Zwischen 1992 und 1995 flüchteten zahllose Bosnier, zum Teil auch mit Hilfe der UN-Truppen. Foto: VN/HRJ