„Hunde haben keine Vorurteile“

Vorarlberg / 16.10.2015 • 20:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Simone und Axel Marguerite sind stolz auf ihre beiden Therapiehunde Ben (l.) und Sunny. Foto: VN/Paulitsch
Simone und Axel Marguerite sind stolz auf ihre beiden Therapiehunde Ben (l.) und Sunny. Foto: VN/Paulitsch

Mit der Hilfe von Therapiehund Sunny hat eine Achtjährige ihre Sprache wiedergefunden.

bregenz. Sunny und Ben begrüßen die Besucher des Bregenzer Lernstudios von Lern- und Entwicklungstrainerin Simone Marguerite (43) immer als Erste. Ausgelassen springen der weiße Malteser-Havaneser- und der schwarze Labrador-Mischling beim Klingeln der Hausglocke zur Eingangstür. Doch nur ein Wort von Marguerite reicht und die beiden Therapiehunde setzen sich artig zu den Füßen ihrer Besitzer, dem Ehepaar Marguerite. „Wir wollen die Hunde Hunde sein lassen“, erklärt Tierpsychologe und Hundetrainer Axel Marguerite (42) lächelnd. „Natürlich sind sie im Umgang mit Menschen und vor allem mit Kindern sehr gut geschult. Aber dressieren wollen wir sie nicht.“

Vertraut mit Kindern

Der 20 Monate alte Sunny und der drei Jahre alte Ben sind bestens vertraut mit den Jüngsten. Die diplomierte Legasthenietrainerin Marguerite betreibt ein privates Entwicklungs- und Lernzentrum für Kinder im Alter zwischen sechs und vierzehn Jahren – Ehemann Axel wird seit etwa einem Jahr als tierpsychologischer Berater mit dem Schwerpunkt Hunde hinzugezogen.

„Ein Hund hat keine Vorurteile und wertet auch nicht“, erklärt die 43-Jährige. „Er nimmt die Kinder an, wie sie sind.“ Dadurch gelingt es, dass Kinder mit Lernschwächen ihr Selbstbewusstsein stärken. Besonders bei Kindern mit ADHS oder Lese- und Sprachdefiziten greift Marguerite auf hundegestütztes Training zurück.

Berührendes Erlebnis

Ein berührendes Erfolgserlebnis hat das Ehepaar Hund Sunny zu verdanken. Ein achtjähriges Mädchen, das seit über einem Jahr nicht mehr gesprochen hatte, fand durch die Hilfe seiner Mutter in das Lernstudio von Marguerite. Nach der Diagnose Legasthenie und psychosomatische Störungen sollte das Kind fortan eine Sonderschule besuchen. „Ich klärte die Mutter auf, dass es sich hierbei um eine sekundäre Legasthenie handelt – ausgelöst durch traumatische Erlebnisse“, erzählt die Bregenzerin. Für das kleine Mädchen war die Trennung der Eltern ein aufrüttelndes Erlebnis – es zog sich immer mehr zurück, verschlechterte sich in der Schule und verweigerte schließlich das Sprechen vollständig.

Große Überraschung

Doch dann kam Sunny. Sofort konnte der ruhige Therapiehund eine Verbindung zu dem Kind aufbauen. „Der Bann zu Sunny war sofort gebrochen. Das Mädchen streichelte ihn und begann gleich in der zweiten Sitzung ein wenig mit ihm zu sprechen“, erzählt Marguerite. Ihr Ehemann pflichtet ihr bei: „Es hat sich herausgestellt, dass sie offensichtlich lieber mit dem Hund als mit den Erwachsenen kommuniziert hat.“ In einer weiteren Sitzung kam dann die große Überraschung: Das Mädchen nahm sich ein Buch und las Sunny eine Geschichte vor. „Über den Hund konnte ich Zugang zu dem Kind finden und darauf aufbauend weiterarbeiten“, erzählt die Lerntherapeutin. Der Erfolg gibt ihr recht: Das Mädchen spricht wieder normal und besucht eine Mittelschule.

Für diese Leistung ist Sunny kürzlich geehrt worden: Bei der jährlichen Preisverleihung der „Fressnapf hilft“-Awards der gleichnamigen Tierhandelskette staubte er den zweiten Preis in der Kategorie „sozial“ ab. Gemeinsam mit Sunny und Ben reiste das Ehepaar Marguerite nach Wien, um den Preis bei einer Gala auf der Summerstage entgegenzunehmen. Sunnys Urkunde hat mittlerweile einen prominenten Platz im heimischen Wohnzimmer gefunden. „Das war vielleicht ein Halligalli“, erzählt Axel Marguerite. „Aber ich bin natürlich wahnsinnig stolz auf Sunny.“

Es hat sich herausgestellt, dass sie lieber mit dem Hund als mit den Erwachsenen kommuniziert hat.

Axel Marguerite