„Kein Nullsummenspiel“

16.10.2015 • 16:51 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Experte über die Auswirkungen der Flüchtlingssituation auf den Arbeitsmarkt.

Schwarzach. (VN-mip) Vorarlberg erlebt einen außergewöhnlichen Zuzug an Flüchtlingen. Nicht nur kurzfristig entstehen dadurch Herausforderungen. Stichwort: Quartierssuche. Auch langfristig werden Probleme erwartet, zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt. Oder? Nein, meint Experte August Gächter vom Zentrum für soziale Integration. Die Situation sei gar nicht außergewöhnlich.

Was bedeutet diese Ausnahmesituation für den Arbeitsmarkt?

Gächter: Wir haben diese Situation bereits zum dritten Mal innerhalb der letzten 25 Jahre. Interessanterweise tut man jetzt so, als ob man alles neu erfinden müsste.

Wie hat sich denn die letzte ähnliche Situation ausgewirkt?

Gächter: Das war zwischen 2002 und 2005, als die Flüchtlingszahlen aus Tschetschenien stark zugenommen haben. Das ist jetzt zehn Jahre her, mittlerweile hat diese Gruppe eine Erwerbsquote von 50 Prozent.

Ist die Situation damals mit heute vergleichbar?

Gächter: Die Tschetschenen sind in einer konjunkturell schwierigen Phase gekommen, von 2005 bis 2008 gab es allerdings einen Boom. Bis 2008 stieg die Erwerbstätigenrate auf 45 Prozent. Danach hat sich die Rate allerdings nur mehr um fünf Prozentpunkte erhöht. Aktuell ist kein Boom in Sicht, es könnte also durchaus problematisch werden.

Was kann die Politik tun?

Gächter: Es geht darum, dass die Zwischenzeit gut genützt wird. Vor allem in Hinblick auf die Qualifikationen, dass die unkompliziert anerkannt werden. Das wiederum hilft den Jobsuchenden und der Wirtschaft. Wichtig ist, dass Zuwanderer das arbeiten dürfen, was sie können.

Klauen Zuwanderer unsere Jobs?

Gächter: Nein. Das stimmt nicht, wenn man logisch darüber nachdenkt. Kurzfristig nicht und langfristig nicht. Jeder, der konsumiert, schafft einen Teil der Jobs.

Rein mathematisch gibt es immer mehr Menschen für immer weniger Arbeitsplätze.

Gächter: Der Arbeitsmarkt ist kein Nullsummenspiel. Mit diesem Argument müsste man ja alle Frauen wieder hinter den Herd schicken. Aber die Arbeitsquote von Frauen nimmt stetig zu, auch in der Krise. Arbeit ist immer zusätzliches Einkommen, das ausgegeben wird und wieder Jobs schafft. Jeder zusätzliche Beschäftigte schafft neue Arbeitsplätze.

Es gibt Experten, die befürchten, dass der erhöhte Zuzug Lohndumping zur Folge hat. Als Beispiel wird gerne der Libanon genannt.

Gächter: In Vorarlberg müssten 120.000 Flüchtlinge leben, damit es zählenmäßig wäre wie im Libanon. Wenn alle gleichzeitig auf den Arbeitsmarkt kämen, dann könnte tatsächlich Druck entstehen. Wir haben die Sozialpartnerschaft, es existieren fast überall Tariflöhne. Und die Flüchtlinge im Libanon sprechen alle die Landessprache, Arabisch, und tun sich daher leichter als bei uns.

Wie sieht der Arbeitsmarkt in zehn Jahren aus?

Gächter: Wie letztes Jahr. Es gibt ein gewisses Niveau an Arbeitslosigkeit, wir reden über Alters- und Jugendarbeitslosigkeit und darüber, dass die Arbeitslosenquote bei Zuwandererkindern dreimal so hoch ist. Und zwar in jeder Ausbildungskategorie. Wir haben sozusagen wieder die ganz normalen Diskriminierungsthemen auf dem Arbeitsmarkt. Man wird wieder über den Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen sprechen. Und dann kommt die nächste Flüchtlingswelle und das Spiel wiederholt sich.

Also ist die aktuelle Flüchtlingssituation kein Problem für den Arbeitsmarkt?

Gächter: Im Moment beeindruckt uns das Thema wahnsinnig. Wir stellen uns vor, was es alles für Probleme geben könnte. In zehn Jahren wird sich kein Mensch mehr daran erinnern können und wir werden es genauso vergessen haben wie die letzten zwei Flüchtlingswellen.

Jeder, der konsumiert, schafft einen Teil der Jobs.

August Gächter

Zur Person

August Gächter

Zentrum für soziale Integration, Bereich Arbeit und Chancengleichheit

Geboren: 29. April 1958, aufgewachsen in Klaus