Liebe mit Behinderung

Vorarlberg / 16.10.2015 • 20:58 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Der Film „So wie du bist“ geht gut aus: Michalina (Juliana Götze) und Carlo (Sebastian Urbanski) dürfen heiraten. Foto: ORF/Badzic
Der Film „So wie du bist“ geht gut aus: Michalina (Juliana Götze) und Carlo (Sebastian Urbanski) dürfen heiraten. Foto: ORF/Badzic

Immer mehr Vorarlberger mit Beeinträchtigung beschließen zusammenzuleben.

Heidi Rinke-Jarosch

SCHWARZACH. Michalinas Freund Carlo hat wie sie das Downsyndrom. Carlos Mutter Sophia ist gegen die Beziehung. Trotzdem ist das Paar entschlossen, seine Liebe auszuleben und sogar zu heiraten. Daraufhin verbietet Sophia ihrem Sohn den Umgang mit Michalina, was verheerende emotionale Folgen für die beiden hat. Mithilfe einer kurz vor der Pensionierung stehenden Richterin kämpfen sie darum, heiraten zu dürfen. Der berührende ORF-Film „So wie du bist“ wurde 2011 in Wien produziert. Das Drehbuch basiert auf einer wahren Begebenheit in Österreich.

In Vorarlberg waren bis vor Kurzem noch Liebe, Partnerschaft und Sexualität unter Menschen mit Behinderung tabuisiert. Bei der Lebenshilfe werde die Thematik mittlerweile jedoch offen angegangen, „aber mit großem Verantwortungsbewusstsein“, informiert Präsidentin Gabriele Nussbaumer. „Der Wunsch nach Partnerschaft und für jemanden etwas Besonderes sein, ist bei Menschen mit Behinderung genauso ausgeprägt wie bei Menschen ohne Behinderung“, stellt sie klar und betont, dass die Gefühlswelt durch Behinderungen nicht beeinträchtigt wird. „Sie empfinden Gefühle wie Liebe und Zuneigung, Trauer und Zorn auf die gleiche Weise wie Menschen ohne Behinderung.“

Geschulte Mitarbeiter

Auch in Vorarlberg komme es immer öfter vor, dass Menschen mit Beeinträchtigung beschließen, zusammenzuleben. „Nur das Recht auf Eheschließung bedingt laut Ehegesetz die Geschäftsfähigkeit beider Partner“, erklärt die Lebenshilfe-Präsidentin. Bei eingeschränkter Geschäftsfähigkeit könne der gesetzliche Vertreter – Sachwalter oder Angehörigenvertreter – einer Heirat zustimmen.

Bei der Lebenshilfe gibt es mittlerweile speziell geschulte Mitarbeiter, die Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung bezüglich Partnerschaft und Sexualität begleiten, informiert Nussbaumer. „Wichtig ist, dass Eltern und Angehörige unterstützend dabei sind“. Übrigens werde sich diesbezüglich in den nächsten Jahren unglaublich viel tun – vonseiten der Lebenshilfe, aber auch vonseiten der Menschen mit Behinderung.

Selbst Mutter eines Sohnes mit Beeinträchtigungen, hat Gabriele Nussbaumer gelernt, mit der schwierigen Pubertätsphase, die jeder Heranwachsende durchmacht, umzugehen. „Bei Robert spürte ich schon, wie sich sein Charakter in der Pubertät geändert hat. Ich merkte, dass er nicht mehr das leicht beeinflussbare Kind war, sondern sich wehrte und versuchte, seinen Eigensinn zu leben.“ Ein Loslösungsprozess zwischen Mutter und Sohn habe aufgrund der schweren Behinderung nie stattfinden können. „Dabei habe ich mir immer gewünscht, dass Robert eine Freundin oder einen Freund abseits der Familie gehabt hätte.“ Doch das habe sich leider nicht ergeben. Robert starb im Alter von 36 Jahren.

„Vor allem lieb“

Wie jeder junge Mann in seinem Alter hat auch der 18-jährige Sohn von Anna B. (Name geändert) pubertäre Krisen, mit denen er selbst und seine Eltern zurechtkommen müssen. Und mit der Pubertät ist in dem Jugendlichen auch die Sehnsucht nach einer liebevollen Beziehung mit einem Mädchen erwacht. „Ihm wäre es egal, ob es ebenfalls behindert ist oder nicht. Hübsch sollte es sein, vor allem aber lieb,“ sagt die 48-jährige Mutter.

Was das Thema Sexualität betreffe, kenne sich ihr Sohn aus. „Darüber redet er von Mann zu Mann mit seinem Vater, der ihn auch aufgeklärt hat.“

Welt im Gleichgewicht

Schwierig ist es indes für Sylvia Hiebeler (50), ihre Tochter Julia (20) in dieser wichtigen Lebensphase zu begleiten. „Sie ist Autist und lebt in ihrer kleinen Welt, in der es ihre Eltern, ihre Geschwister, den Hund, die Oma, die Nichten und ihre Arbeit gibt“, erklärt Sylvia. „Ihre Welt muss immer im Gleichgewicht bleiben. Fehlt etwas, hat sie ein Problem.“ Sylvia wisse zwar, dass Julia das Bedürfnis habe, eine Partnerschaft mit einem Mann einzugehen. „Aber ich habe keine Ahnung, wie ausgeprägt ihre Gefühlswelt ist. Ich komme nicht an sie heran.“ Durch den Autismus sei Julia verschlossen, „und sie kann sich verbal nicht ausdrücken. Ich weiß beispielsweise nicht, welche Vorstellung Julia von einer sexuellen Beziehung hat“, sagt Sylvia und resümiert: „Da gibt es ein Stück von meiner Tochter, das ich nicht kenne.“ Ihr Wunsch wäre, dass Julia einmal selbstständig leben kann – eventuell mit einem Partner.

Eine unvergessliche Erfahrung – ähnlich wie im Film „So wie du bist“ – machte Gabriele Nussbaumer vor einigen Jahren in Bregenz: Dekan Anton Bereuter nahm in der Pfarre St. Gallus die Segnung eines älteren Downsyndrom-Paares vor. „Der Mann und die Frau hatten den Wunsch, gemeinsam zu leben und Verantwortung zu tragen. Bevor sie sich in der Kirche das Versprechen gaben, zusammenzubleiben, haben sie ein halbes Jahr miteinander gelebt“, schildert Nussbaumer. „Die Segnung war eine herzliche, wunderschöne Feier. Man hat gespürt, dass beide erfasst haben, was es bedeutet, füreinander da sein zu wollen.“

Da gibt es ein Stück von meiner Tochter, das ich nicht kenne.

Sylvia Hiebeler

Wichtig ist, dass Angehörige unterstützend dabei sind.

Gabriele Nussbaumer

Beratung

Thema Partnerschaft und Sexualität von Menschen mit Behinderung

» Beratungsstelle der Lebenshilfe Vorarlberg:

Telefon: 05523/506-10056

E-Mail: beratung@lhv.or.at

» ifs Soziale Integration

Telefon: (0)5/1755 520

http://www.ifs.at/soziale-integration.html bzw. bei allen ifs Beratungsstellen http://www.ifs.at/adresse-beratungsstellen.html