„Sonne“ scheint für Flüchtlinge

Vorarlberg / 20.10.2015 • 19:09 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Daniel und Stefan Schweiger sowie Mahmoud Musellam von „Shems – Sozialwerk europäischer Sufis“ sind für Flüchtlinge da.  VN/HRJ
Daniel und Stefan Schweiger sowie Mahmoud Musellam von „Shems – Sozialwerk europäischer Sufis“ sind für Flüchtlinge da. VN/HRJ

Muslime helfen Muslimen: Verein Shems unterstützt Flüchtlinge in Vorarlberg.

Heidi Rinke-Jarosch

DORNBIRN. Die meisten Menschen, die vor den Kriegswirren in Nahost in die EU flüchten, sind Muslime. Von Hilfsaktionen ihrer hier lebenden Glaubensgeschwister hört man relativ wenig. Dabei setzen sich viele muslimische Organisationen für Flüchtlinge ein. Sie tun das allerdings leise. Weil sie nicht so stark strukturiert sind wie beispielsweise etablierte kirchliche Hilfsorganisationen, wird muslimischen Helfern selten mediale Aufmerksamkeit geschenkt.

„Shems“ heißt „Sonne“

In Vorarlberg hilft, neben anderen muslimischen Gruppen und Initiativen, „Shems – Sozialwerk europäischer Sufis“ Flüchtlingen dabei, hier Fuß zu fassen. „Shems“ heißt auf Arabisch „Sonne“ und ist ein in Dornbirn ansässiger sozial engagierter Verein mit etwa 30 Mitgliedern, zu dessen Aktivitäten Blutspendeaktionen, Bewährungshilfe mit Neustart Vorarlberg und Unterstützung von Flüchtlingen zählen. „Wir sind kein Moscheeverein, haben weder Hodscha noch Freitagsgebet, wir sind ehrenamtlich sozial tätig“, macht Obmann Daniel Schweiger deutlich. Wichtig sei es auch zu wissen, dass Shems eine deutschsprachige Anlaufstelle für Muslime ist, betont der 33-jährige gebürtige Tiroler und Islamkonvertit.

Vindex SoHi gegründet

Die weiblichen Vereinsmitglieder von Shems betreuen Frauen und Kinder im Flüchtlingsheim Gaisbühel. Die Männer konzentrieren sich auf Bewohner der ehemaligen Kerzenfabrik Zumtobel in der Bildgasse.

Begonnen hat Shems damit Mitte August, nachdem die ersten Flüchtlinge in die Bildgasse eingezogen waren. Mehr als 100 der hauptsächlich aus Syrien, Afghanistan und dem Irak stammenden Männer beklagten sich über die schlechte Ernährung. In der Folge wurden über soziale Medien Hetz-Postings gegen die „undankbaren“ Flüchtlinge veröffentlicht. Daraufhin begab sich Eva Fahlbusch, Geschäftsführerin der Bregenzer Hilfsorganisation „Vindex – Schutz und Asyl“ vor Ort und zur Betreiberin der Unterkunft (die Schweizer Firma ORS Service GmbH) und informierte sich über die Situation der Flüchtlinge. „Es fehlte an allem“, erinnert sich die 56-jährige Sozialpädagogin. „Die Männer hatten schlichtweg keine Unterstützung.“ Weder sei ihnen beim Asylverfahren geholfen worden, noch hätten sie sozialpädagogische Begleitung erhalten. Laut Fahlbusch gab es auch keine Deutschkurse, kaum Kleidung: „Selbst die einfachsten Mittel des täglichen Bedarfs mussten von ihnen selbst organisiert werden.“

Fahlbusch berief ein Treffen mit Freiwilligen ein, und „Vindex SoHi“ (Soforthilfe), geleitet von Heike Mennel, entstand. Von Shems waren Daniel Schweiger, sein drei Jahre jüngerer Bruder Stefan sowie Mahmoud Musellam dabei. Der 28-Jährige ist selbst Flüchtling aus Syrien, lebt seit drei Jahren in Vorarlberg und spricht fließend Deutsch.

Bisher hat Shems etwa 250 Flüchtlinge mit Kleidung, Schuhen sowie Hygieneartikeln, gespendet von der Bregenzerwälder Firma Metzler, versorgt. 100 neue Rucksäcke habe das Koffergeschäft Ströhle geliefert, berichtet Daniel Schweiger. Die Firma Huber habe Unterwäsche und das Modehaus Sagmeister Winterjacken zugesagt. Geldspenden seien auch eingegangen. „Damit haben wir bei Metro fast zum Einkaufspreis 21 Paar Schuhe gekauft.“

Inzwischen wurde das Projekt „Vindex SoHi“ beendet und Shems hat sich von der Massenabfertigung zurückgezogen. „Wir helfen jetzt über die persönliche Schiene“, sagt Schweiger. „Zum Beispiel bei behördlichen Wegen und ganz einfachen Sachen, wie der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel.“ Außerdem ist Shems jetzt auch in der Flüchtlingsseelsorge tätig, informiert sein Bruder: „Flüchtlinge kommen zu uns und reden sich aus. Das tut ihnen gut.“

Angehörige im Kriegsgebiet

Das größte Problem für die Syrer sei, dass ihre Familien im Kriegsland zurückgeblieben sind, sagt Mahmoud „Sie machen sich große Sorgen um ihre Angehörigen. Das ist ein enormer Stressfaktor.“ Mahmoud kann das gut nachempfinden: „Auch mein Vater und vier Geschwister sind noch in Syrien.“ Shems gibt den Flüchtlingen Hoffnung, dass sie einmal wieder mit ihren Familien vereint werden.

Der Verein benötigt weiterhin Sach- und Geldspenden. „Wir haben noch viel zu tun“, sagt Schweiger. „Das Flüchtlingsthema wird uns noch lange begleiten.“

In der Unterkunft Bildgasse Dornbirn fehlte es an vielem.   Paulitsch
In der Unterkunft Bildgasse Dornbirn fehlte es an vielem.  Paulitsch

Shems Austria

» „Shems – Sozialwerk europäischer Sufis“ ist heute in acht europäischen Ländern vertreten. In Vorarlberg ist Shems ein sozial tätiger Verein.

» Mitglieder: etwa 30, davon 70 Prozent Frauen, 90 Prozent Konvertiten. Alle sind Sunniten.

» Adresse: Dornbirn, Bildgasse 18, Telefon 069911130599

» Info: www.shems.at