Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Verspätung und Schicksal

Vorarlberg / 20.10.2015 • 18:56 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Jeder kennt das, wenn er auf Reisen geht: Verspätung.

Wir waren auf der Buchmesse. Es gab keine Taxis, alle waren vergeben. Vergeben. Also gingen wir zu Fuß zur S-Bahn. Verspätung auf dem einen, Verspätung auf dem anderen Gleis. Vor und zurück und das im Laufschritt. Nur laufende Menschen auf den Bahnsteigen. Hektik wie beim Start in der Arena. Endlich auf der Buchmesse. Nervöse Menschen blättern in Büchern, machen sich schmal, um andere vorbeizulassen. Dann am Abend zum Fest, wieder kein Taxi, wir gehen zu Fuß, der Wind am Main bläst einem in den Kragen. Fazit: Das Unwichtigste auf der Buchmesse sind die Autoren.

Bei der Heimfahrt das gleiche Szenario: Wir gehen zu Fuß zur S-Bahn, haben Sorge, unseren Zug zu versäumen. Der Zug hat vierzig Minuten Verspätung. Wir nehmen einen früheren bis Stuttgart. Der Zug hat fünfundzwanzig Minuten Verspätung. Wir erfahren davon eine Minute vor Einfahrt des Zuges. Der Zug von Stuttgart hat wieder Verspätung und fährt deshalb nur bis Friedrichshafen. Dort könnten wir umsteigen, hat uns die Stimme aus dem Lautsprecher zugesagt. Ein Personenzug würde verlässlich warten. Der Zug fährt uns vor der Nase davon. Über fünfzig Menschen reden wütend durcheinander. Es wuchert uns über den Kopf, wir sind verstört, und wir nehmen ein Taxi nach Lindau. Mein Mann hat heute Geburtstag.

Der Taxifahrer, ein Mann aus Leipzig, schon über fünfzehn Jahre in Friedrichshafen, fächert vor uns sein Schicksal auf. Er ist geschieden, hat zwei Söhne, seine Frau darf er nicht mehr sehen. Sein 14-jähriger Sohn macht eine Lehre und wohnt bei der Mutter und ihrem neuen Mann, er muss vierhundertfünfzig Euro Miete zahlen, verdient aber nur sechshundertzehn Euro. „So viel Unrecht“, sagt der Taxifahrer. Der andere Sohn wohnt in einer Wohngemeinschaft und hat sein eigenes Leben. „Und dann die vielen Flüchtlinge!“

Alles ist relativ. Ist man in einer beengten Situation, starrt man nur auf sich.

Der Taxifahrer lenkt ein: „Zugegeben, wenn ich aus einem Kriegsgebiet käme, würde ich auch nach Deutschland wollen, weil es dort die verlässlichsten Sozialleistungen gibt. Aber man muss auch sagen, das eigene Schicksal ist einem das nächste. Ich habe eine Freundin, eine Thailänderin, sehr klug, sie konnte japanisch, englisch und ihre Sprache, auch ziemlich gut Deutsch. Viel Geld hat sie für die Volkshochschule ausgegeben. Dann passierte das Unglück und sie bekam ein Aneurysma, ist nun halbseitig gelähmt, kann nicht mehr sprechen, muss jetzt alles wieder von vorne lernen. Jetzt kann sie nur mehr zu Hause sitzen und auf mich warten. Wenn am Wochenende mein Sohn auf Besuch ist, können wir ihm nichts bieten. Ich könnte noch viel erzählen, aber Sie müssen ja zum Bahnhof.“

Wir stiegen aus und fuhren mit den ÖBB nach Hause.

Der Taxifahrer, ein Mann aus Leipzig, schon über fünfzehn Jahre in Friedrichshafen, fächert vor uns sein Schicksal auf.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.