„Helfen, nicht strafen“

21.10.2015 • 18:44 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Roma-Großfamilie, die in Beschling bei Nenzing ihr Lager aufgeschlagen hat, ist in einer verzweifelten Situation.  FOTO: Hrj
Die Roma-Großfamilie, die in Beschling bei Nenzing ihr Lager aufgeschlagen hat, ist in einer verzweifelten Situation.  FOTO: Hrj

Roma-Großfamilie droht Räumung ihres Lagers in einem Waldstück bei Nenzing.

nenzing. (VN-hrj) Versteckt zwischen Bäumen und Gebüsch stehen aus Holz und Plastik gebaute Schlafstellen und ein paar Campingzelte. Zwei Frauen bereiten auf offenem Feuer Essen zu. Ein junges Mädchen wühlt in einem Haufen gespendeter Kleidungsstücke. Soeben liefern Mitarbeiter der Hilfsorganisation „Stunde des Herzens“ Matratzen mit Kunststoffüberzug, damit die Feuchtigkeit vom Boden abgehalten wird.

Vor zwei Monaten ist diese Roma-Großfamilie aus der Stadt Ploiesti in Rumänien mit dem Zug aus Italien nach Österreich gekommen. In Vorarlberg gelandet, ließen sich die 34 Erwachsenen mit sechs Kleinkindern und zwei Babys  in diesem Waldstück in Nenzing-Beschling nieder.

“Wir haben durch die Roma Probleme im Dorf“, sagt Herbert Greussing (62), Vizebürgermeister von Nenzing, bei einem Besuch im Waldlager. „Dieser Grund ist nämlich Privatbesitz. Er gehört der Agrargemeinschaft Beschling.“ Die Eigentümer wollen, dass die Roma gehen. Das zweite Problem ist der nahende Winter. Greussing befürchtet, dass die Kinder die Kälte nicht überleben. „Diesen Menschen muss sofort geholfen werden“, sagt er. „Die Landesregierung muss etwas unternehmen, und zwar in Höchstgeschwindigkeit.“ Zu „Stunde des Herzens“-Obmann Joe Fritsche gewendet, sagt Greussing: „Ohne euch würden die Leute erfrieren.“

Fritsche hat soeben geholfen, ein mitgebrachtes Zelt aufzubauen und wird jetzt mit RSA-Briefen und aufgeregten Fragen bombardiert. „Das sind Strafanzeigen wegen aggressiven Bettelns“, erklärt Joe Fritsche. „Was ist das?“, fragt Gabi C. Die 25-Jährige und auch die anderen verstehen nicht, warum sie angezeigt wurden. Bei Nanu C. (48) war erlaubtes Musizieren der Grund. Der offensichtliche Anführer der Großfamilie habe neulich vor einem Supermarkt Ziehharmonika gespielt. Allerdings ohne Genehmigung der Gemeinde, und das gilt als Vergehen.

Jetzt tauchen auch noch zwei Polizisten aus Nenzing auf. Einer in Zivil, der andere uniformiert. Freundlich, aber bestimmt übergeben die Beamten den Roma die Behördenbescheide mit der Aufforderung, das Lager bis Samstag, 24. Oktober zu räumen. „Warum?“, fragt Nanu. „Weil ihr gegen die Campingverordnung und das Meldegesetz verstößt“, gibt der Uniformierte Auskunft, die von der gebürtigen Rumänin Juliana von „Stunde des Herzens“ übersetzt wird.

„Diese Menschen brauchen Hilfe, keine Strafmaßnahmen“, resümiert Fritsche. „Aber niemand will sie.“ Dabei habe laut der Menschenrechtskonvention jeder das Recht auf Unterkunft, erinnert er.

„Man will uns vertreiben“

Die Aussage von Landeshauptmann Markus Wallner, in Ernstfällen die Kinder zu entziehen (die VN berichteten am 21. Oktober) ist mit Entsetzen aufgenommen worden. „Man will uns vertreiben“, ist sich Nanu sicher. „Wir können und wollen aber nicht nach Rumänien zurück.“ Denn dort sei es ihnen sehr schlecht gegangen, weil sie der Minderheit der Roma angehören. Und das ist nicht nur in diesem EU-Land so.

Am Mittwochabend werden mithilfe von „Tischlein deck dich“ 20 Personen, darunter alle Kinder, in ein Haus nach Bludenz gebracht. 

Stichwort

Roma. Das Volk der Roma stammt ursprünglich aus Indien. Es kam vor etwa 1500 Jahren nach Europa und hat heute etwa elf Millionen Angehörige. In manchen EU-Staaten, wie Rumänien, Bulgarien und Ungarn werden sie noch immer diskriminiert.