Meinrad Pichler

Kommentar

Meinrad Pichler

Im Fluss

Vorarlberg / 21.10.2015 • 20:44 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Europa hat alles dafür getan, dass Waren, Kapital, Dienstleistungen und Informationen möglichst ungehindert über nationale Grenzen hinweg fließen können. Das europäische Projekt, seit seinem Beginn von der Wirtschaft angetrieben und erst zögerlich zu einer politischen Union formiert, zielte immer auf einen Abbau nationaler Schranken, politischer Regulierungen und auf eine Öffnung der Märkte. Absicht aller Deregulierungen war es immer, dem wirtschaftlichen Strom ein leistungsfähigeres Flussbett zu schaffen. Nachdem nun die europäischen Exportweltmeister den Menschen in den armen Ländern Mobiltelefone und Fernsehgeräte schmackhaft gemacht und deren Eliten mit Waffen versorgt haben, nimmt es nicht Wunder, dass die einen schießen, um ihren Einfluss zu mehren, und die anderen dorthin strömen, wo sie via Telekommunikation den Wohlstand gesehen haben. Der einseitige Handel scheint nicht mehr zu funktionieren.

Der Wahlsieg der SVP in unserem Nachbarland Schweiz ist unter anderem gespeist vom überheblichen Anspruch, dass die reichen Länder wirtschaftlich nach wie vor von einer Globalisierung, die weltweite Geschäfte ermöglicht, profitieren sollen. Den daraus geschöpften Reichtum möchten aber die Blochers ausschließlich hinter den nationalen vier Wänden verbraucht und verteilt sehen. Die Zeit aber, als nur das Geld der afrikanischen Diktatoren die Schweiz erreichte, scheint vorbei. Jetzt kommen die von den Geldverschiebern Geprellten und Geschädigten persönlich. Nicht nur Investoren drängen dorthin, wo es etwas zu holen gibt, sondern zunehmend eben auch Menschen, die ihrer Existenz beraubt und zu Bettlern entwürdigt wurden.

Die Europäische Union erweist sich angesichts dieser neuen Entwicklungen zunehmend als Schönwetterverein, der in Krisen behäbig reagiert und zu keiner einheitlichen Stimme findet. Bei ihrer Konstruktion wurden zukünftige Krisenszenarien kaum mitgedacht. Die Verschiedenheit der Interessenlagen der einzelnen Staaten zeigt sich im Umgang mit Griechenland ebenso wie bei der Sicht auf den Flüchtlingsstrom. Die eben erst an den Futtertrog Gekommenen wollen keine Mitesser; diejenigen in der Komfortzone, die kleine Wohlstandsprivilegien erlangt haben, sehen diese bedroht, und die Finanzmärkte scheren sich ohnehin nicht um Individuen.

Wenn der in Fluss gekommene Zustrom von Menschen aus den europäischen Rand- und den außereuropäischen Krisengebieten gestoppt werden soll, müssen Europa und Amerika nicht nur ihr außenpolitisches Handeln, sondern auch den einseitigen Handel völlig neu ausrichten.

Die Zeit aber, als nur das Geld der afrikanischen Diktatoren die Schweiz erreichte, scheint vorbei.

meinrad.pichler@vorarlbergernachrichten.at
Meinrad Pichler ist Historiker und pensionierter Gymnasialdirektor.