„Entsetzt und enttäuscht von der Herzlosigkeit“

Vorarlberg / 22.10.2015 • 21:13 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Roma sind verzweifelt. Bis Freitagabend müssen sie die Villa in der Bahnhofstraße verlassen.  Foto: VN/SCHWALD
Die Roma sind verzweifelt. Bis Freitagabend müssen sie die Villa in der Bahnhofstraße verlassen. Foto: VN/SCHWALD

Roma müssen Notunterkunft in Bludenz verlassen. Bürgermeister gibt Sicherheitsbedenken an.

bludenz. (VN-hrj, js) Große Erleichterung herrschte am Mittwochabend. Elmar Stüttler, Obmann der Hilfsorganisation „Tischlein deck dich“, hatte es geschafft. Er fand für die Roma-Familien aus dem von den ÖBB geräumten Lager in Dornbirn eine provisorische Unterkunft. In einer Villa in der Bahnhofstraße wurden das zurzeit nicht genutzte Erdgeschoß und die Kellerräume zur Verfügung gestellt. An die 50 Roma hatten ein Dach überm Kopf. Zumindest für eine Nacht.

 „Ja, sie müssen raus“

Tags darauf schaute nämlich alles auf einmal ganz anders aus. Der Bludenzer Bürgermeister Mandi Katzenmayer (60) ordnete am Nachmittag die Räumung dieser Notunterkunft an. Den VN gegenüber bestätigte er: „Ja, die Roma müssen  raus. Ich kann nicht verantworten, dass sie dort wohnen.“ Die Räumlichkeiten seien als Gewerbebetrieb gewidmet und könnten nicht zum Wohnen genutzt werden. Außerdem entsprächen die Sicherheitsvorschriften nicht. „Wenn dort irgendwas passiert, bin ich dran“, rechtfertigte Katzenmayer seine Entscheidung. Die Gemeinde stelle vorläufig ihre Notwohnung zur Verfügung, in der 15 Personen unterkommen, räumt er ein.

Kein Verständnis für Katzenmayers Entschluss zeigte Nina Tomaselli (30). „Vorrangig wären da Hilfsbereitschaft und Humanität“, sagt die grüne Landtagsabgeordnete, die sich tagsüber vor Ort aufhielt. „Unglaublich schade“ fand sie die Vorgänge in Bludenz, „vor allem für Elmar Stüttler, Joe Fritsche und die anderen Helfer, die mit unglaublichem Engagement“ an das Problem mit den Roma herangegangen sind.

„Ich schäme mich für unsere Gesellschaft, in der die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt“, sagt Elmar Stüttler. Es sei frustrierend, „wie unsere Politiker mit den Roma umgehen. Mir tun diese Menschen leid, weil sie herumgeschubst werden.“ Menschlich sei das nicht.

Suche nach Ersatzquartieren

Nach Katzenmayers Räumungsorder hing Stüttler, gemeinsam mit „Stunde des Herzens“-Obmann Joe Fritsche (51), stundenlang am Telefon, um Ersatzquartiere für die übrigen mehr als 30 Roma zu finden, von denen ein kleiner Teil aus dem Lager in Nenzing-Beschling gekommen ist. Dieses Lager soll am Samstag komplett geräumt werden. Die aktuelle Situation der Roma in Vorarlberg bezeichnet Fritsche als „humanitäre Katastrophe. Ich bin entsetzt und enttäuscht von der Herzlosigkeit“, sagt er.

Nachdem bis zum Abend keine Alternativunterkunft gefunden wurde, genehmigte Katzenmayer eine weitere und letzte Nacht in der Villa. So hat die Suche nach einer Bleibe für die Roma am Freitagmorgen wieder begonnen. Stüttler hofft, „dass die Geschichte heute gut endet“.

Ich schäme mich für unsere Gesellschaft, in der die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.

Elmar Stüttler