Andere Sichtweisen

23.10.2015 • 16:43 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

„Wussten Sie schon, dass das Wort oder Tun eines Menschen wieder sehend machen kann, einen, der für alles blind war, der keinen Sinn mehr sah in dieser Welt und in seinem Leben?“ (Wilhelm Willms)

Augenöffner

Es können uns auf ganz verschiedene Weisen die Augen aufgehen – für Menschen, für verborgene Dinge, wertvolle Einsichten. Müssen wir zuerst krank werden oder einen lieben Menschen verlieren, um zu sehen, dass es noch Wichtigeres gibt als die Arbeit, den Zahltag, als irgendwelche Titel und Erfolge? Wenn wir in ein Burn-out rutschen oder depressiv werden und mit Hermann Hesse sagen müssen: „Seltsam, im Nebel zu wandern! Leben ist einsam sein. Kein Mensch kennt den anderen, jeder ist allein!“, dann sehen wir zuerst überhaupt kein Licht. Aber mit der Zeit bekommen wir doch einen neuen Blick für das Wesentliche.

Besondere Ereignisse, Erlebnisse, gute oder schlechte Erfahrungen, manchmal auch ein Vortrag, ein Gespräch, ein Buch oder ein Film können unsere Sichtweisen ändern. Ich las z. B. in einem Artikel zum Thema „Mit sich selbst befreundet sein“, dass es gut wäre, sich zu fragen: Welchen Wunsch würde ich einem Neugeborenen mitgeben? Wie möchte ich zum Zeitpunkt meines Todes gelebt haben? Welche „Basisgüter“ sind für ein gutes Leben unverzichtbar? Freundschaft, Liebe, Gesundheit, Bildung, Gerechtigkeit usw.? Wie oft erlebe ich, dass sich Leute über etwas furchtbar aufregen, und dann denke ich mir: Ist das so wichtig? Wenn wir keine größeren Probleme haben als das, dann geht es uns wirklich gut.

Blindenheilungen

Im morgigen Sonntagsevangelium wird berichtet, dass einem Herrn Zachäus (Nachname unbekannt) die Augen geöffnet wurden, weil er in diesem Jesus einem Menschen begegnet war, mehr noch: einem, der ihn richtig sehen konnte, der ihn sogar die Nähe Gottes erahnen ließ. Ich bin überzeugt, dass wir anfangen, das Leben und die Mitmenschen anders zu betrachten, wenn wir mit den Augen Jesu schauen. Er könnte für uns der beste „Augenarzt“ sein, weil wir durch ihn weit-sichtig werden und lernen, über die kleinherzigen Grenzen, sogar über die Todesgrenze hinaus zu schauen. Bei ihm werden wir kurz-sichtig, weil seine Liebe uns anspornt, auf das Naheliegende, die kleinen Dinge zu achten. Er macht uns nach-sichtig und lehrt uns zu verzeihen, nicht mehr nachtragend zu sein. Auch vor-sichtiger werden wir, sobald wir uns nicht mehr blenden lassen von dem, was in dieser Welt glänzt. Jesus macht uns ein-sichtig und erinnert uns daran, dass wir alle vom Erbarmen Gottes leben und zuerst einmal vor der eigenen Türe kehren sollen. Er macht uns rück-sichtig, rücksichtsvoll mit dem Auftrag, einander zu dienen, und schließlich hell-sichtig, weil wir durch ihn erkennen: Nur die Liebe zählt. Diesem guten Zachäus wurden die inneren Augen geöffnet, und, wer weiß, vielleicht auch die körperlichen, aber das ist eigentlich zweitrangig.

Auch heute

Wilhelm Willms schreibt weiter: „Dann hat Jesus ihm eine Brille nach der andern von der Nase, von den Augen genommen: die Milieubrille, die Parteibrille, die kirchliche Brille, die Brille mit diesem und jenem Vorurteil. Er musste ihm sogar noch ein paar richtige Häute von den Augen ziehen, denn manches Vorurteil war schon an den Augäpfeln festgewachsen. Und Jesus hat den Mann wieder angeschaut, ganz tief, bis auf den Grund. Da weinte der Blinde. Das war seine Rettung, denn dieser Quell spülte den letzten Dreck aus den Augen, den Stolz und das Nicht-sehen-Wollen, was das Sehen am meisten behindert!“ Im Blick auf all das, was sich heutzutage in unserer Welt abspielt, können wir nur bitten.

„Ich möchte besser, mit wachem Herzen sehen können – vor allem die Menschen und ihre Nöte, und auch mich selbst!“

Was am Schluss passierte

Es wird berichtet, dass Zachäus den Sitzplatz am Weg aufgab und Jesus nachfolgte. Ich finde, dass echte Blindenheilungen uns in Bewegung bringen, indem wir hinter diesem Jesus her versuchen, in seinem Geiste zu leben, zu handeln, und die Welt ein bisschen menschlicher zu gestalten. Ich erlebe viele solche Aufbrüche, Gott sei Dank!

Elmar Simma,
Vikar, Feldkirch