Dauer der Krankenstände nimmt zu

23.10.2015 • 17:59 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

2014 gab es in Vorarlberg weniger Krankheitsfälle, aber längere Krankenstände.

Schwarzach. Ein VN-Datenreport auf Basis jüngster Zahlen der Vorarlberger Gebietskrankenkasse (VGKK) zeigt, dass im Vorjahr zwar die Gesamtzahl der Krankheitsfälle um 6,2 Prozent auf 160.110 zurückgegangen ist. Gleichzeitig ist der Rückgang bei den Krankenstandstagen mit nur zwei Prozent (1.482.963) deutlich geringer ausgefallen. Die durchschnittliche Krankenstandsdauer ist von 8,6 Tagen im Jahr 2013 auf 9,1 Tage im Vorjahr gestiegen. Weniger Kranke, allerdings längere Fehlzeiten, so eine Kurzanalyse der Zahlen.

Der Druck steigt

„Die Belastungen nehmen zu“, sagt Nada Ivica (63), Leiterin des Arbeitsmedizinischen Zentrums Vorarlberg. Zeit- und Termindruck in der Arbeit steigen. Dazu kommt noch Freizeitstress. Immer mehr Menschen halten dem Druck nicht mehr stand. Das zeigen auch jüngste Daten. Krankenstandstage, die psychische Ursachen haben, nehmen seit Jahren deutlich zu. Allein zwischen 2012 und 2014 ist die Zahl der Fehltage von VGKK-Versicherten aufgrund psychischer Erkrankungen von 147.795 auf 180.482 angewachsen (plus 22,1 Prozent). Depressionen, Burn-out oder Alkoholsucht sind damit bereits für zwölf Prozent aller Krankenstandstage verantwortlich. Eine Entwicklung, die man auch bei der Gebietskrankenkasse in Dornbirn mit Sorge beobachtet. Chefarzt Günter Winkler spricht von einem feststellbaren Trend zu mehr psychischen Erkrankungen, die meist auch längere Krankenstände und damit mehr Krankenstandstage verursachen.

Psychische Belastungen müssten in jedem Betrieb analysiert werden, empfiehlt Arbeitsmedizinerin Nada Ivica. „Mit solchen Analysen kann man sehen, wo es die Belastungen gibt. Und man kann über Maßnahmen diskutieren.“ Das bringe Erfolg, so die Experten im VN-Gespräch.

Lehrer stark betroffen

Betroffen von diesen Entwicklungen sind praktisch alle Berufsgruppen. Einen besonders hohen Anstieg an Krankenstandstagen und eine Steigerung der Krankenstandsdauer gibt es im Bereich Unterricht und Erziehung. 16.265 Fehltage bedeuten ein Plus von über 25 Prozent. Zwar ist nur ein eher kleiner Teil der Lehrer bei der VGKK versichert, andere Statistiken zeigen allerdings ein ähnliches Bild, wie vertiefende Recherchen der VN zeigen. So sorgt sich etwa der Bundesrechnungshof um die Gesundheit der beamteten Landeslehrer. Die Zahl der jährlichen durchschnittlichen Krankenstandstage sei zwischen 2008 und 2013 von zwölf auf 14 angestiegen, heißt es in einem Bericht. Entspannter scheint die Situation bei den Bundeslehrern im Land. Dort waren im Vorjahr die Krankenstandszahlen sogar rückläufig (7184 Tage nach 8250 im Jahr davor).

Gerhard Unterkofler (56) ist Personalvertreter der Pflichtschullehrer. Er sieht die Gründe für die steigenden Krankenstände in seiner Berufsgruppe in einer gesellschaftlichen Veränderung. Vom Lehrer würde immer mehr abverlangt. „Lehrer sind heute Sozialarbeiter, Familienberater, Schulpsychologen und Wissensvermittler in einer Person.“ Das könne in der Praxis nicht funktionieren. Es brauche Support-Personal. „Wenn man das nicht hat, kommt es zur Überforderung.“

Eine Entspannung, so glaubt der Personalvertreter, könnten Karenzierungen oder Sabbatical-Jahre bringen. Speziell älteren Lehrern ab 55 Jahren mit gesundheitlichen Problemen sollte diese Möglichkeit eingeräumt werden, so Gerhard Unterkofler weiter.

Für Arbeitsmedizinerin Nada Ivica würden sich auch in den Schulen entsprechende Evaluierungen aufdrängen. Sie spricht den Personalmangel an. „Hier gibt es Zustände, die man verbessern muss.“

Jeder Fünfte betroffen

Eine andere Krankheit, eine ähnliche Entwicklung. Mehr Fälle und deutlich mehr Krankenstandstage gibt es auch im Zusammenhang mit Problemen des Muskel-Skelett-Systems. Das Volksleiden Rückenschmerzen und andere Muskel-Skelett-Erkrankungen sind in Vorarlberg bereits für jeden fünften Krankenstandstag verantwortlich. Entsprechend groß sind die Anstrengungen der Arbeitsmedizin und der Unternehmen, hier vorzubeugen. Arbeitsplätze und Arbeitsabläufe müssen ergonomisch gestaltet werden.

Nada Ivica sieht viele Projekte umgesetzt. Speziell in großen Unternehmen seien Fortschritte feststellbar. Im Baugewerbe und der Industrie habe man mittlerweile viele Hilfsmittel, die von den Mitarbeitern auch genutzt werden. Das sei aber nicht in allen Bereichen so. Ivica spricht etwa das Transportgewerbe an. Zusteller oder Mitarbeiter von Paketdiensten würden noch immer viel selbst schleppen. Mängel sieht die Expertin auch im Pflegebereich und in Krankenhäusern. Hier würden die vorhandenen Hilfsmittel oftmals nicht verwendet. Weil es ohne schneller gehe, nutze man etwa Lifte zu wenig. Das rächt sich. Langjährige Arbeit in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen hinterlässt oft Spuren.

Das zeigen auch die Daten der Gebietskrankenkasse. So ist die Zahl der jährlichen Krankenstandstage zwischen 2011 und 2014 um rund 8500 auf 118.700 angestiegen. „Mitarbeiter muss man mehr schulen“, fordert die Arbeitsmedizinerin.

Kosten sind gestiegen

Die zuletzt längeren Krankenstände haben auch finanzielle Auswirkungen auf die Krankenkassen. Endet die Entgeltfortzahlung der Unternehmen, wird Kassengeld (Krankengeld) fällig. Zwischen 2013 und 2014 sind für die VGKK Mehrbelastungen von 1,9 Millionen Euro entstanden (gesamt 25,5 Millionen Euro).

Die Belastungen dürften in nächster Zeit weiter steigen. Zwar gibt es für das aktuelle Jahr noch keine gesicherten Daten, ein Trend lässt sich aber schon feststellen. So rechnet man bei der VGKK für 2015 jedenfalls wieder mit steigenden Zahlen bei den Krankenstandstagen.

Die Anforderungen an Lehrer werden immer größer.

Gerhard Unterkofler

Krankenstände nach Berufsgruppen 2014

Berufsgruppen Krankenstandstage

» Herstellung von Waren (Produktion) 481.230

» Handel 229.133

» Bau 130.854

» Gesundheits- und Sozialwesen 118.737

» Beherbergung und Gastronomie 101.525

» Sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen 88.390

» Öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Sozialversicherung 74.076

» Verkehr und Lagerei 66.382

» Finanz- und Versicherungsdienstleistungen 32.593

» Sonstige Dienstleistungen 29.441

» Freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen 24.544

» Erziehung und Unterricht 16.265

» Energieversorgung 14.111

» Kunst, Unterhaltung und Erholung 10.573

» Information und Kommunikation 9377

» Wasserversorgung, Abfallentsorgung 8595

» Grundstücks- und Wohnungswesen 7511

» Land- und Forstwirtschaft 5244