Die explosive Macht einer Emotion

Vorarlberg / 23.10.2015 • 20:42 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Primar Reinhard Haller findet auch in seinem neuen Buch klare Worte. Foto: vn/paulitsch
Primar Reinhard Haller findet auch in seinem neuen Buch klare Worte. Foto: vn/paulitsch

Mit seinem neuen Buch will der Psychiater und Psychotherapeut aufrütteln.

schwarzach. (VN-mm) Seine schlimmste Kränkung erlebte Reinhard Haller als Internatsschüler. Dass ihn die Kameraden wegen seines Wälder Dialekts auslachten, kränkte ihn bis aufs Blut und sitzt heute noch tief. Doch inzwischen kann der Psychiater und Psychotherapeut damit umgehen. Viele andere schaffen das nicht. Mit seinem neuen Buch „Die Macht der Kränkung“ will er den Mantel des Tabus von einem Thema reißen, das schon viel Unglück beschert hat.

Ist Schreiben für Sie Qual, Lust oder so etwas wie ein Auftrag?

Haller: Im Grunde ist Schreiben mein Hobby. Für mein aktuelles Buch habe ich den Sommerurlaub verwendet. Das war genauso erholsam wie am Mittelmeer.

Sie sind in Ihrem Beruf mit vielen Verbrechen konfrontiert. Ist Schreiben auch eine Art der Verarbeitung?

Haler: Absolut. Der Gedanke, über dieses Thema zu schreiben, ließ mich seit der Beschäftigung mit Franz Fuchs, dem Bombenhirn, nicht mehr los. Fuchs war für mich nichts anderes als ein extrem gekränktes Genie. Ich habe festgestellt, dass Kränkungen eine unglaubliche Rolle spielen, obwohl sie immer noch tabuisiert werden. Man sagt vielleicht ‚ich bin beleidigt‘, aber nie ‚ich bin gekränkt‘. Auch bei meinen Patienten habe ich gesehen, dass fast alle an nicht verarbeiteten Kränkungen litten, die sie mit Alkohol betäubten.

Welche Folgen können Kränkungen noch zeitigen?

haller: Mindestens zwei Drittel der Verbrechen resultieren aus Kränkungen. In der Politik sind Kränkungen ebenfalls ein großes Problem, wenngleich Politiker das meist anders sehen. Ich glaube, dass viele Entscheidungen in Österreich nicht getroffen werden aus Angst, man könnte eine Personengruppe kränken. Es wurden auch zahlreiche Kriege ausschließlich durch Kränkungen ausgelöst. So lassen sich Kränkungen durch alle Ebenen hindurch verfolgen. Nur werden sie bei uns verdrängt.

Kann jemand auch nicht gekränkt sein?

Haller: Das kann durchaus sein. Aber es ist eine hohe Kunst, eine gewisse Gelassenheit und Souveränität zu entwickeln und mit Kränkungen so umzugehen, dass sie nichts anrichten.

Wie definiert sich Kränkung?

Haller: Das ist das Problem. Jeder weiß, was damit gemeint ist, doch keiner kann es beschreiben. Auch Philosophen haben sich vor dem Thema gedrückt. Die Theologie gibt ebenfalls keine Antwort darauf. Selbst in der Ausbildung zum Arzt und Psychiater habe ich nie etwas von Kränkung gehört. Vermutlich deshalb, weil es kein wissenschaftlicher Begriff ist und jeder Mensch anders reagiert. Manche Leute sind schon gekränkt, wenn sie schief angesehen werden.

Ihr Buch soll kein Ratgeber sein. Was wollen Sie dann damit bezwecken?

haller: Ich möchte sensibilisieren, bewusst machen, dass jeder ein kränkbares Wesen ist, man selbst auch kränkbar ist und dazu stehen soll. Ich bin überzeugt, dass es kein besseres Emotionstraining gibt, als darauf zu achten, wo die Kränkungsgrenze des anderen und wo meine eigene liegt. Kränkungen tun oft jenen am meisten weh, von denen wir es nicht erwartet hätten. So lerne ich bei anderen eine neue Seite und gleichzeitig meine eigenen Schwachstellen kennen.

Sie sagen, Kränkungen können oft weit zurückliegen, ehe sie explodieren.

haller: Ich habe vor Jahren in Deutschland einen Amokläufer untersucht, der eines der größten Attentate beging. Als Grund dafür gab er an, dass bei einer Klassenfahrt vor acht Jahren niemand mit ihm im Doppelzimmer schlafen wollte. Das kränkte und beschäftigte ihn so sehr, dass er schließlich Amok gelaufen ist. Der Fall zeigt, wie Kränkungen sich nach dem Schmetterlingseffekt entfalten können. So wie ein Flügelschlag in Brasilien einen Wirbelsturm in Texas auslösen kann.

Was unterscheidet eine Kränkung von einer Beleidigung?

haller: Die Beleidigung ist sozusagen die offiziell anerkannte Kränkung.

Worin liegt das große Problem von Kränkungen?

haller: Dass sie nicht angesprochen werden. Dann beginnen sie zu wuchern, und es entstehen negative Fantasien.

Und was hilft?

Haller: Zu eruieren, was es ist und darüber zu reden. Das erfordert Mut. Natürlich muss auch der Umgang mit Kränkungen vermittelt werden. Letztlich kann aber nur jede/r selbst bestimmen, was er/sie als Kränkung empfindet. Aus dem heraus muss man die Lufthoheit über die Kränkung gewinnen. Dann sieht man sie zwar, lässt sich aber nicht mehr von ihr niederdrücken. Kränkung ist also auch etwas, das in der Persönlichkeitsentwicklung hilft. Man wird zum Beherrscher und ist nicht mehr Beherrschter.

Reinhard Haller: Die Macht der Kränkung; Verlag ecowin, 248 Seiten, Preis: 21,95