„Ich liebe meinen Sohn mit jedem Tag mehr“

23.10.2015 • 19:12 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Margit Graf mit ihrem 34-jährigen Sohn Marco. Seit einem Autounfall vor zwölf Jahren ist er schwerbehindert.  Foto: VN/Hartinger
Margit Graf mit ihrem 34-jährigen Sohn Marco. Seit einem Autounfall vor zwölf Jahren ist er schwerbehindert. Foto: VN/Hartinger

Margit Graf pflegt ihren Sohn seit zwölf Jahren. Ein Unfall machte Marco zum Pflegefall.

Hard. Wenn Marco Graf (34) seinen Blick hebt, sieht er an der Decke einen Surfer im Meer. Wenn sein Blick nach links zur Wand wandert, kann er zwei Delfine ausmachen, die durch tiefblaues Wasser schwimmen. „Marco war eine richtige Wasserratte. Das Wasser war sein Element. Er ist viel geschwommen und getaucht“, erzählt seine Mutter Margit (71). Ihr Sohn liebte das Leben. „Marco war ein lebensbejahender Mensch. Kaum aufgestanden, lachte er schon“, erinnert sich seine Mutter.

Am Steuer eingeschlafen 

Zwischen ihr und ihrem einzigen Kind bestand eine enge Bindung. „Wenn mein Sohn heimkam, nahm er mich in die Arme und busselte mich ab.“ Margit liebte ihn so sehr, dass sie große Angst hatte, ihn zu verlieren. „Meine Horrorvorstellung war, dass Marco auswandert und nicht mehr da ist.“ Doch das Leben nahm eine ganz andere Wendung, als sie dachte. Bei einem Autounfall vor zwölf Jahren erlitt Marco lebensgefährliche Verletzungen. „Er ist am Steuer eingenickt und frontal in ein Auto gekracht.“ Margits Augen verdunkeln sich. „Seine Verletzungen waren so schwer, dass die Ärzte nicht mehr wussten, was sie mit ihm machen sollten. Sie fragten mich, ob sie die Maschine, die ihn am Leben erhielt, abschalten sollen.“ Doch das ließ Marcos Mutter nicht zu. „Ich hatte immer die Hoffnung, dass es mit meinem Sohn wieder aufwärts geht.“ Die Mediziner jedoch machten ihr keine Hoffnungen. „Er wird sich nie mehr bewegen können, auf nichts mehr reagieren und apathisch bleiben“, prophezeiten sie ihr.

Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in einer Reha-Klinik nahm Margit ihren Sohn zu sich nach Hause. „Ich hätte es nie übers Herz gebracht, ihn in ein Heim zu geben.“ Das erste Jahr war schwer für sie. „Ich wurde in die Pflege hineingeworfen und musste unter anderem lernen, wie man mit Magensonde und Blasenkatheter umgeht und Medikamente spritzt.“ Aber das Schlimmste war, dass von ihrem Kind keine Reaktion kam. „Es war, als ob Marco tot wäre, als ob er nicht mehr vorhanden wäre. Sein Gesicht war reglos, ganz ohne Mimik, sein Blick ging durch einen hindurch“, erinnert sie sich mit Schaudern. Doch Margit ließ sich nicht entmutigen. Sie gab ihren Sohn zu keiner Zeit auf. „Ich habe mit ihm geredet und ihm Lieder vorgesungen.“ Sie tat alles, um ihm das Leben so schön wie möglich zu machen. Drei Jahre lang pflegte sie ihren vollkommen hilflosen Sohn voller Hingabe. „Aber dann war mein Akku leer. Ich habe mir Hilfe aus der Slowakei geholt.“

Glücksmomente im Alltag

Mit der Zeit verbesserte sich Marcos Zustand. „Heute ist sein Blick nicht mehr leer, er schaut herum und beobachtet. Er nimmt am Geschehen teil“, freut sich seine Mutter über die Fortschritte, die er gemacht hat. Sie ist sich sicher, dass ihr Sohn alles um sich herum wahrnimmt. „Seit ein paar Wochen kann er sogar den Kopf heben und senken.“ Auch die Zeit, als er vollkommen stumm war, ist vorbei. „Er lacht und gibt Töne von sich.“ Es sind Glücksmomente für sie, wenn sie in sein Zimmer kommt und er hell auflacht. Margit freut es immens, dass Marco aus der Tiefe aufgewacht ist und dass mittlerweile so viel von ihm zurückkommt. Sie führt das auf die Liebe zurück: „Sie vermag viel.“ Der Schicksalsschlag hat Mutter und Sohn noch enger aneinander geschweißt. „Ich liebe meinen Sohn mit jedem Tag mehr“, sagt Margit und muss vor Rührung weinen.

Schon öfters Stärke bewiesen

Nur ganz am Anfang haderte die gebürtige Bregenzerin mit ihrem Los. „Aber das waren nur Momente.“ Sie glaubt, dass der Herrgott einem schwachen Menschen so etwas nicht aufbürdet. „Das schickt er nur Menschen, die stark genug sind, das zu tragen.“ Dass sie stark ist, bewies Margit schon öfters. So pflegte sie zeitgleich ihre bettlägerige Mutter und ihre demenzkranke Schwiegermutter. Auch diese hätte sie nie ins Heim gegeben.

Die 71-Jährige kommt mit ihrem Leben gut klar. „Es ist okay, so wie es ist. Ich bin ein zufriedener Mensch, vielleicht auch deshalb, weil ich mein Schicksal angenommen habe.“

Ich bin zufrieden, weil ich mein Schicksal angenommen habe.

Margit Graf