Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Arbeitsfrei

26.10.2015 • 21:08 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Was genau am Nationalfeiertag gefeiert wird, ist eine beliebte Rätselfrage. Der Staatsvertrag, der Abzug des letzten Besatzungssoldaten, die Gründung der Republik 1918 oder die Wiedererrichtung der Demokratie 1945 sind häufige Vermutungen. Mit dieser einen arbeitsfreien Tag trotzdem genießenden Ungewissheit ist der Staat in guter Gesellschaft. Mit dem Fronleichnamstag geht es der katholischen Kirche nicht viel besser. Dabei begann alles eigentlich als Provisorium. Der 26. Oktober 1955, an dem der Nationalrat als Konsequenz aus dem Staatsvertrag die künftige Neutralität Österreichs beschlossen hatte, wurde zunächst als „Tag der Fahne“ vor allem an den Schulen gefeiert. Arbeitsfreier staatlicher Feiertag wurde er erst zehn Jahre später.

Die Neutralität eines für sich allein stehenden Kleinstaates ist durch die Mitgliedschaft Österreichs in der EU weitgehend inhaltslos geworden. Das Gedenken daran hält das Bundesheer jedes Jahr noch mit einer großen Leistungsschau auf dem Wiener Heldenplatz wach. Als Festtag des Staates beschränkt sich der 26. Oktober auf Tage der offenen Türe in der Hofburg, im Parlament und in den Ministerien. Dass die Länder und Gemeinden mit dem „Bundesfeiertag“ nie so richtig warm geworden sind, wird immer mehr sichtbar. Bis auf die traditionelle Übergabe von Ehrenzeichen im Landhaus hinterlässt der Nationalfeiertag inzwischen kaum noch Spuren.

Dabei hätte heuer das 60-Jahr-Jubiläum des zu feiernden Anlasses durchaus ein Anlass zu Änderungen sein können. Diesen Tag mit neuen Inhalten zu füllen, wird zwar die zunehmende Staatsverdrossenheit nicht wegfeiern können. Das ist eine politische Daueraufgabe, der sich die Akteure derzeit allerdings nur eingeschränkt gewachsen zeigen. Aber zusätzliche Anstrengungen zu einem besseren Verhältnis zu den Bürgerinnen und Bürgern wären schon möglich. Einfach ist das heute in keinem Land, aber allein bei unseren Nachbarn ließen sich am Tag der deutschen Einheit zahlreiche Anregungen holen. Dort findet beispielsweise der offizielle Festakt jedes Jahr in einer anderen Landeshauptstadt statt und ist in ein Bürgerfest mit einer Präsentation aller Länder eingebettet. Der Nationalfeiertag böte schließlich auch noch Gelegenheit, den zahlreichen Zuwanderern aus anderen Kulturkreisen die Regeln und Strukturen unseres Gemeinschaftslebens auf eine freundliche Weise näherzubringen.

Wenn schon gelegentlich gefordert wird, zur Verringerung arbeitsfreier Tage den einen oder anderen kirchlichen Feiertag auf einen Sonntag zu verlegen, dann stünde mit dem Nationalfeiertag ebenfalls ein geeigneter Kandidat zur Verfügung.

Dann stünde mit dem Nationalfeiertag ein geeigneter Kandidat zur Verfügung.

juergen.weiss@vorarlbergernachrichten.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.