Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Wirtschaftsgen

Vorarlberg / 28.10.2015 • 20:43 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Will man heutzutage das Charakteristikum eines Individuums oder einer Gruppe beschreiben, spricht man nicht mehr von Wesen oder Mentalität, sondern in vereinfachender Ausdrucksweise vom Gen: Der eine hat das Sieger-, der andere das Helfer- und der dritte das Künstlergen. Wollte man die österreichische Seele analysieren, käme man um die Feststellung eines nur schwach entwickelten Wirtschaftsgens kaum umhin.

Will heißen: Wirtschaftliche Themen stoßen auf wenig öffentliches Interesse, und ökonomischer Verstand gehört nicht zu den Kerneigenschaften der Österreicher.

Über die Entwicklung von Wirtschaftsleistung oder Exportquote diskutiert der typische Österreicher nur wenig. Kaum einen regt es auf, wenn unsere Kreditwürdigkeit dieser Tage auf „negativ“ gestellt werden soll. Der Absturz unseres Landes als Wirtschaftsstandort wurde mit „Nestbeschmutzen, Krankjammern und Schlechtreden“ kommentiert. Die Inflationsrate, eine der höchsten in Europa, betrachtet man als gottgewollt. Für die dramatische Zunahme der Arbeitslosigkeit muss immer noch die in die Jahre gekommene Wirtschaftskrise 2008 herhalten, als hätte diese die Länder auf der Überholspur nicht betroffen.

Während die weit vor uns liegenden Schweizer per Volksentscheid eine fünfte Urlaubswoche ablehnten, wird von den Gewerkschaften hierzulande allen Ernstes eine sechste gefordert.

Vor dem Hintergrund dieser mit wenigen Beispielen skizzierten Einstellung wundert es nicht, dass Österreich keine echte Wirtschaftspartei hat. Der Volkspartei ist im Versuch, allen alles recht zu machen, das wirtschaftliche Profil verloren gegangen.

Bei den Sozialdemokraten weisen die Ideen, wie man Geld ausgeben und erwirtschaften kann, ein reziprokes Verhältnis auf. In der ganz auf Emotionen setzenden Politik der Freiheitlichen sind sachlich-wirtschaftliche Diskussionen wenig gefragt.

Für die Grünen scheint jeder Sparvorschlag nahezu eine Menschenrechtsverletzung zu sein, und die Neos hätten bei Verharren auf ihrer wirtschaftsfreundlichen Ausgangsposition kaum überlebt.

Solche Pauschalierungen sind ungerecht und sollen nicht verkennen, dass es in Österreich viele wirtschaftlich denkende und handelnde Menschen, tüchtige Unternehmer und gute Wirtschaftspolitiker gibt. Ein großer Teil des Volkes hat aber noch nicht verinnerlicht, dass gute Sozialpolitik nur bei stabilen wirtschaftlichen Verhältnissen möglich ist und jeder von uns auch beim Blick auf das Ganze so wirtschaftlich denken muss wie bei jenem auf die eigene Tasche.

Vor dem Hintergrund dieser mit wenigen Beispielen skizzierten Einstellung wundert es nicht, dass Österreich keine echte Wirtschaftspartei hat.

reinhard.haller@vorarlbergernachrichten.at
Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut
und Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.