Am Ende aber standen Liebe und Dankbarkeit

Vorarlberg / 30.10.2015 • 20:25 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Den Tod ihres Vaters konnte Melanie lange nicht verwinden. Sein Grab ist mit vielen Engeln geschmückt. Foto: vn/kuster
Den Tod ihres Vaters konnte Melanie lange nicht verwinden. Sein Grab ist mit vielen Engeln geschmückt. Foto: vn/kuster

Den Verlust von Angehörigen bewältigen die Hinterbliebenen sehr unterschiedlich.

dornbirn. Antonia* (48) bringt das Familiengrab auf Vordermann. Mit einem feuchten Tuch säubert sie den Grabstein und die Bilder der Verstorbenen. Eines der Bilder zeigt einen hübschen blonden Buben. Vor 13 Jahren musste sich Antonia von ihrem Sohn Lukas* für immer verabschieden. Der damals Dreijährige kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Der Verlust ihres Kindes schmerzte sie so sehr, „dass ich Lukas am liebsten nachgefolgt wäre“. Doch sie hatte noch Zwillinge, die erst ein paar Monate alt waren.

Es war nicht ihr erstes Kind, das Antonia zu Grabe trug. „Ein Baby musste ich tot auf die Welt bringen.“ Diese Verlusterfahrungen haben ihr gezeigt, wie schmal der Grat zwischen Glück und Unglück ist. „Wir wähnen uns im Alltag so sicher. Dabei können wir schnell in eine katastrophale Situation oder in einen Albtraum geraten. Und manchmal brauchst du Jahre, bis du da wieder herauskommst.“

Langer Trauerprozess

Antonia weiß, wovon sie spricht. Hinter ihr liegt ein jahrelanger Trauerprozess. An dessen Ende aber standen Liebe und Dankbarkeit. „Jeder Tag mit meinem Sohn war ein Geschenk“, blickt sie demütig zurück. Die leidgeprüfte Mutter glaubt, dass im Leben alles vorherbestimmt ist. „Wir bekommen Prüfungen. An denen müssen wir uns entwickeln.“ Antonia rückt das Blumenbukett zurecht und wirft, bevor sie geht, einen zufriedenen Blick auf das Grab.

Ein paar Gräber weiter verschönert Melanie (37) das Grab ihres Vaters Helmut. Es ist mit zahlreichen Engelsfiguren geschmückt. Sie hat einen neuen Engel mitgebracht, einen mit großen Flügeln. Melanie war mit ihrem Vater eng verbunden. „Das liegt daran, dass Mama und Papa uns Kinder abwechselnd betreut haben“, erzählt sie. Als er vor elf Jahren starb, zerriss es sie fast vor Schmerz. „Er war ein so toller Familienvater. Sein Tod zog mir den Boden unter den Füßen weg.“ Ihr Vater wurde ganz plötzlich aus dem Leben gerissen. „Er war mit dem Fahrrad unterwegs und wurde von einem betrunkenen Autolenker niedergefahren. Papa war sofort tot“, schildert Melanie, wie ihr Vater mit erst 62 Jahren ums Leben kam. Bis heute hat sie nicht verstanden, „warum der Herrgott gute Menschen so brutal aus dem Leben reißt. Ich finde das unfair.“

Deswegen verlor sie kurzfristig auch ihren Glauben. Zum Glauben hat sie  inzwischen wieder zurückgefunden, Vertrauen ins Leben hat sie aber seit dem Unfall nicht mehr. „Ich habe Angst, dass meinen Kindern Ähnliches passieren könnte“, gesteht sie. Die Krankenschwester tritt einen Schritt zurück und überprüft, ob der neue Engel mit den anderen harmoniert. Melanie lächelt. Sie ist mit dem Ergebnis zufrieden.

Verlustängste

Inges Seele trägt Trauer. Die 62-Jährige richtet das Grab ihres Mannes her. Es sind noch keine zwei Monate vergangen, seit sie ihren Mann Herbert, mit dem sie mehr als 40 Jahre verheiratet war, zu Grabe tragen musste. Ein Kopftumor machte die gemeinsamen Pläne zunichte. „Herbert hätte noch so gerne ein paar Jahre gelebt. Sein größter Wunsch erfüllte sich leider nicht“, bedauert Inge. Das Paar hatte noch so viel vor in der Pension. „Wir wollten für einige Zeit auf unsere Alphütte ziehen. Die Alpe war sein Ein und Alles“, sagt sie und wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

Mit Herbert (65) ging nicht nur ein Ehemann, sondern auch ein Vater und Großvater. Enkel Marc-Jonas (12) leidet seit dem Tod des Opas unter Verlustängsten. „Letzthin sagte er zu mir: Oma, gib’ auf dich Acht. Nicht dass ich dich auch noch verliere. Ich habe bloß noch dich. Du bist mir die Allerliebste.“

*Name von der
Redaktion geändert

Wir wähnen uns im Alltag so sicher. Dabei können wir schnell in eine katastrophale Situation geraten.

Antonia