Die Wittenberger Nachtigall

30.10.2015 • 18:44 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Heute ist Weltspartag. Eigentlich. In diesem Jahr ist er – wegen des Wochenendes – vorverlegt worden. Da ist noch Halloween. Aber das importierte Gruselfest hat auch schon bessere Zeiten erlebt. Bleibt noch der Reformationstag, der Gedenktag an den Thesenanschlag Martin Luthers am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Damit wurde die Reformation der Kirche „an Leib und Gliedern“ eingeleitet. In einigen deutschen Bundesländern ist er ein gesetzlicher Feiertag.

Gedacht war damals an eine akademische Diskussion, um dem entstellten Gesicht der Kirche wieder die Züge des Jesus von Nazareth zu verleihen. Geworden ist daraus ein Streit, der die Kirche gespalten hat.

Hat Martin Luther tatsächlich am Abend vor Allerheiligen mit einem schweren Hammer seine 95 Thesen donnernd ans Wittenberger Kirchenportal geschlagen, so dass es nur so hallte durch die deutschen Lande? Das hat man jedenfalls den Kindern erzählt, um aus Luther einen Helden zu machen, der die Kirche gerettet hat, weil er sich für Freiheit und Selbstbestimmung und für Mündigkeit im Glauben eingesetzt und den verkommenen und geldgierigen Klerus bekämpft hat. Und weil er die Bibel als Quelle des christlichen Glaubens in die Mitte gestellt hat. Von ihr aus sind die Lehrsätze der theologischen Autoritäten zu hinterfragen.

Der Thesenanschlag

Er hat womöglich gar nicht stattgefunden. Er ist vielleicht nur eine Legende. Tatsache aber ist, dass Luther, besorgt um die kirchlichen Zustände und aufgrund seiner Studien in der Bibel, die man in Klöstern und Bibliotheken verstauben hat lassen, zu einem völlig anderen Gottes- und Menschenbild gefunden hat, als es durch die Geistlichkeit kolportiert wurde. Gott nimmt den Menschen an, bevor er auch nur die erste fromme Tat getan hat. Er verzichtet auf religiöse Leistung und Kraftanstrengung. Es ist die vorauseilende Liebe Gottes, die man den Menschen und ihm bisher verheimlicht hat. Diese Wiederentdeckung hat ihn dazu bewogen, sich an Theologen und Bischöfe zu wenden, in der Hoffnung, dass sie bei der Reformation mitmachen. Sein geistlicher Vorgesetzter, Albrecht von Mainz, hat auf Luthers Brief nicht einmal geantwortet. Mit gutem Grund: Die Einnahmen durch den Ablasshandel, an dem Bischöfe und Rom kräftig verdient haben, wären zum Stillstand gekommen. Unter einfachen Menschen, Bauern, Handwerkern, aber auch in hochgebildeten Kreisen kam seine Lehre gut an. Sie hat nicht nur die religiöse Welt, sondern auch die Kultur insgesamt ziemlich verändert und geprägt. Ohne Luthers Bibelübersetzung ins Deutsche, die zur Grundlage für die deutsche Schriftsprache wurde, könnten sich heute die Ostfriesen mit den Bayern und die Wiener mit den Vorarlbergern kaum verständigen.

Von Luther war auch der Meistersinger Hans Sachs aus Nürnberg sehr angetan. Er schrieb ein ergreifendes Loblied auf den Reformator, nennt ihn die „wittenbergisch Nachtigall“, die den Aufgang der Sonne (= Evangelium) verkündet, während überall wilde Tiere (= Klerus) lauern und die Schafe (= Gemeinde) bedrohen. Die andere Seite war auch nicht gerade zimperlich. Papst Leo X. nannte Luther das Wildschwein, das den Weinberg des Herrn (gemeint war die Papstkirche) durchwühlt. Die damalige Sprache war deftig. Jedenfalls nicht so wehleidig oder mit geheuchelter Freundlichkeit wie gelegentlich heutzutage. „Man lasse die Geister aufeinanderplatzen, aber die Faust haltet stille!“ Das war Luthers Maxime.

Die dunkle Seite

Luther hat über seine Zeit hinaus „gesungen“, aber er war auch ein Kind seiner Zeit: Erfüllt von mittelalterlichen Teufelsvorstellungen, ein verbaler Macho, was Frauen anbelangt, und nicht gerade charmant im Umgang mit seinen Gegnern. Woran man nicht vorbeikommen kann, das ist seine Judenfeindschaft, die ihm bis heute Applaus von der falschen Seite einbringt. Auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 muss man auch offen über diesen Sündenfall Luthers sprechen.

Zum Glück ist er kein Heiliger. Man darf ihn kritisieren und aus seinen Fehlern lernen, das Gute aber behalten, denn „Unser Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung“. (Martin Luther)

Wolfgang Olschbaur, Schwarzach, evangelischer Pfarrer i. R.