„Habe noch mehr Ideen“

Vorarlberg / 30.10.2015 • 18:50 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Im Montfortsaal erzählen Claudia Fessler und Daniel Kolb den Schülern die Geschichte des Landhauses.  foto: HRJ
Im Montfortsaal erzählen Claudia Fessler und Daniel Kolb den Schülern die Geschichte des Landhauses.  foto: HRJ

Claudia und Daniel zeigen, wie Menschen mit Behinderung unabhängig leben können.

Heidi Rinke-Jarosch

LAUTERaCH, BREGENZ. „Wenn ihr Fragen habt, fragt. Aufzeigen wie in der Schule nützt nichts. Ich sehe es nicht.“ Daniel Kolb (37) zeigt auf den gelben Button mit drei schwarzen Punkten, der an seiner Hemdtasche steckt: „Das ist keine Auszeichnung von der Landesregierung, sondern ein Hinweis auf meine Sehbehinderung.“

35 Viertklässler einer Volksschule in Klaus sitzen im Montfortsaal des Landhauses in Bregenz und hören zu, wie Daniel die Geschichte des Gebäudes vorträgt. Dann übernimmt Claudia Fessler und erzählt vom Leben der Malerin Angelika Kauffmann. Die 29-Jährige ist Spastikerin und sitzt im Rollstuhl. Nächster Punkt der Landhausführung ist der Landtagssaal. Die Kinder stürmen in den Raum, besetzen die Plätze der Abgeordneten. Tischlampen werden ein- und ausgeschaltet, Drehsessel mutieren zu Karussells. Bis Claudia lachend ein Machtwort spricht und abwechselnd mit Daniel erklärt, was sich hier in diesem Saal abspielt.

Die Landhausführungen für Pflichtschulklassen, die Claudia und Daniel im Auftrag des Landes halten, sollen Kindern ermöglichen, eventuell vorhandene Berührungsängste zu Menschen mit Beeinträchtigung abzubauen. Dabei gebe es laut Claudia gar keine mit Kindern, „sondern eher mit Lehrpersonen. Aber das sind Einzelfälle“.

Schülern das Landhaus zeigen, ist nur eine von vielen Tätigkeiten, die die beiden gemeinsam seit etwa zwei Jahren ausüben. Davor arbeitete Claudia mehrere Jahre im Sozialbereich. „Dann suchte ich nach Veränderung – und traf Daniel.“ Der gelernte Bäcker konnte seinen Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben, weshalb auch er sich beruflich neu orientieren wollte. Claudia und Daniel stellten fest, dass sie sich durch ihre Behinderungen ergänzen. So wurden sie gute Freunde. Nachdem beide die gleichen Ziele verfolgten, hat sich zudem eine Geschäftspartnerschaft entwickelt. 2013 gründeten sie in Lauterach das Unternehmen Plus-Punkt. Einige Hürden und zahlreiche Erfolgserlebnisse später arbeiten Claudia und Daniel heute mit drei unterschiedlichen Partnerunternehmen zusammen, für deren Produkte sie die Endfertigung und den Vertrieb übernommen haben.

Mittlerweile werden Claudia und Daniel von einer Assistentin unterstützt, die sich um manuelle Tätigkeiten kümmert, dazu zählt die Bedienung des Computers. „Dadurch können wir uns auf unsere Fähigkeiten und auf das Wesentliche unserer Arbeit konzentrieren“, stellt Claudia klar. „Und wir werden nicht durch alltägliche Dinge, die uns schwerfallen, gebremst.“ Durch die Beeinträchtigungen sind beide gefordert, Hindernisse im Berufsleben zu meistern. Insbesondere bei Außenterminen werden sie öfters mit Barrieren konfrontiert. „Einmal musste bei einem Geschäftstermin der Rollstuhl über die Treppe geführt werden, weil es keinen Aufzug gab“, schildert Daniel. „Die Träger haben ziemlich geschwitzt, weil der sture Elektrorollstuhl partout nicht von seinem Gewicht abweichen wollte.“

Noch nicht ausgereift

Mit ihrer unabhängigen Lebensweise wollen Claudia und Daniel anderen Menschen, die in der gleichen Situation sind wie sie, die Vorzüge der Selbstständigkeit schmackhaft machen. Sie habe da noch mehr Ideen, sagt Claudia, „aber die sind noch nicht ausgereift“. Daniel dazu: „Jedenfalls wird uns nie langweilig.“

Dann suchte ich nach Veränderung – und traf Daniel.

Claudia Fessler

Claudia und Daniel suchen ein Büro zwischen Bregenz und Götzis. Es sollte rollstuhlgerecht und nahe dem öffentlichen Verkehrsnetz sein. Telefon: 0664/9693742