„Jedes Sterben ist einzigartig“

Vorarlberg / 30.10.2015 • 19:13 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Tiefgründige Gedanken: Elmar Simma. Foto: Stiplovsek
Tiefgründige Gedanken: Elmar Simma. Foto: Stiplovsek

Elmar Simma begleitet Menschen beim Sterben. Seine Gedanken an Allerheiligen.

Rankweil. Als Seelsorger der Hospizbewegung ist Toni-Russ-Preis-Träger Elmar Simma sehr häufig mit Tod und Sterben konfrontiert. Er sieht den Tod als Teil des Lebens und berichtet von den unterschiedlichen Formen des Umgangs von Menschen mit dem Tod. Allerheiligen ist für ihn ein kirchliches Fest, an dem auch jene Menschen in den Rang von Heiligen aufsteigen, die uns nahe waren und Gutes getan haben. Sterben und Tod seien nicht zuletzt durch die Hospizbewegung thematisiert worden, andererseits gebe es auch einen Verlust von Sterbe- und Totenkultur.

Wie werden Sie Allerheiligen verbringen?

Simma: Zuerst feiere ich in Schaan einen Gottesdienst im Kloster St. Elisabeth, dann singe ich in Göfis mit der Männerschola in der Andacht. In Göfis mache ich auch einen Grabbesuch. Anschließend gehe ich nach Rankweil und besuche das Grab meiner Eltern und meiner verstorbenen Geschwister. Als Nächstes geht es zum Kaffeetrinken bei Angehörigen, danach wird zu Hause für die Verstorbenen gebetet.

Welchen Stellenwert hat Allerheiligen für Sie?

Simma: Es ist ein ambivalentes Fest. Der Vormittag ist der eigentliche Festtag. Da denkt man an die Heiligen. Der Nachmittag ist dem Totengedenken gewidmet. An Allerheiligen feiert man neben den offiziellen Heiligen, die schon bei Gott sind, auch die nicht offiziellen Heiligen. Dazu zählen Christen, die glaubwürdig und überzeugt gelebt haben und die uns nahe standen.

Sie sind fast täglich mit Tod und Sterben konfrontiert. Wie natürlich ist der Tod für Sie? Oder hat er auch für Sie das Unheimliche bewahrt?

Simma: Durch die Hospizarbeit habe ich gelernt: Der Tod ist Teil des Lebens. Aber natürlich bleiben da die stets wiederkehrenden Fragen: Was wird jetzt mit mir? Wo komme ich hin? Wenn ich einen Toten sehe, dann habe ich immer diese Ehrfurcht vor dem großen Geheimnis, dann habe ich Respekt. Du siehst den Toten und weißt: Das ist die Hülle, aber der Mensch ist nicht mehr da.

Wie viele Menschen haben Sie schon beim Sterben begleitet?

Simma: So genau kann ich das gar nicht sagen. Aber es waren Hunderte.

Welche Arten des Sterbens, welche Regungen, Sorgen, Nöte, Ängste aber vielleicht auch Freuden erleben Sie bei Sterbenden?

Simma: Grundsätzlich möchte ich festhalten: Jedes Sterben ist anders, einzigartig. Es gibt ein ruhiges und friedliches Sterben. Es gibt ein Sterben, bei dem sich Menschen bewusst in die Hand eines Größeren hineinfallen lassen, wo die Sterbenden ausdrücken können: Mein Leben geht jetzt zu Ende, ich kann das annehmen. Es gibt aber auch ein Sterben, bei dem der Betroffene nicht sterben will – und sich psychisch und physisch bis zum Letzten wehrt. Es gibt Menschen, die mit dem Herrgott verhandeln wollen, ihm eine Wallfahrt versprechen, die in depressive Zustände verfallen. Es können aber auch Phasen wechseln: Heute redet einer davon, dass er weiß, er muss sterben. Am nächsten Tag redet er vom Urlaub, ist hingerissen zwischen Angst und Hoffnung.

Sie reden nur von gläubigen Menschen. Was hat das Sterben von diesen mit dem Sterben von Nicht-Gläubigen gemeinsam?

Silmma: Gemeinsam ist fast allen, dass sie eine Lebensbilanz ziehen. Dass sie sich fragen, welche Spuren sie in diesem Leben hinterlassen haben.

Inwiefern hat sich in unserer Gesellschaft der Umgang mit dem Tod im Laufe der Zeit verändert?

Simma: Es gibt einerseits einen Verlust der Sterbe- und-Totenkultur. Sie wird immer mehr privatisiert. Wenn sich zum Beispiel Menschen eine Beisetzung in aller Stille wünschen, oder wenn sie ihre Asche irgendwo verstreut haben wollen. Andererseits ist das Thema Tod und Trauer nicht zuletzt durch die Hospizbewegung in Diskussion gekommen. Es findet dabei eine Auseinandersetzung mit Tod und Trauer statt.

Der Tod welches Menschen ist Ihnen persönlich am nächsten gegangen?

Simma: Der Tod meiner Eltern. Als mein Papa 1987 starb, war ich gerade auf dem Nachhauseweg von einer Skiwoche. Aber wir haben ihn dann noch gewaschen und gekleidet. Diese Verabschiedung war für mich sehr wichtig. Es ist gut, wenn man einen Toten noch einmal berühren, urmarmen und küssen kann.

Haben Sie sich schon mit Ihrem eigenen Sterben beschäftigt?

Simma: Ja. Ich weiß nicht, wie das sein wird. Ich weiß auch nicht, wie ich das bewältigen werde. Ich bewundere andere, die das konnten. Ich hoffe für mich, dass ich es annehmen werde können.

Zur Person

Elmar Simma

Elmar Simma hat als Caritasseelsorger die Hospizarbeit begründet. Der Rankweiler wurde 1964 zum Priester geweiht, arbeitete als Kaplan in Bregenz, als Jugendseelsorger, als Pfarrer in Göfis und dann als Caritasseelsorger. Elmar Simma ist 77 Jahre alt und wurde 2005 mit dem Toni-Russ-Preis ausgezeichnet.