Berührung für Körper und Seele

01.11.2015 • 18:05 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Schülerinnen und Schüler genießen den entspannten Umgang miteinander. Foto: vn/hofmeister
Die Schülerinnen und Schüler genießen den entspannten Umgang miteinander. Foto: vn/hofmeister

Ein besonderes Projekt begleitet Schüler der MS Feldkirch-Levis durch den Schulalltag.

Feldkirch. (VN-mm) Hochkonzentriert stehen sie da. Ein Fuß und eine Hand sind nach vorne gerichtet, die andere Hand liegt im Winkel am Körper an. Begleitet von einem ohrenbetäubenden Schrei wechseln plötzlich die Stellungen. Das Spiel wiederholt sich ein paar Mal, der Raum vibriert geradezu. Kein Wunder, schließlich entstammt der Lärm 18 jugendlichen Kehlen. Dann ist es wieder ruhig. Erstaunlich ruhig für eine so bunt gemischte Klasse, in der manche Schüler noch nicht einmal Deutsch sprechen. Die Mädchen und Burschen setzen sich auf eine Decke und entspannen, ehe es mit anderen Übungen weitergeht. „Shiatsu en el Punto“ nennt sich das Projekt, das die Schüler der 4c der Mittelschule Feldkirch-Levis seit dem vergangenen Jahr durch den Schulalltag begleitet.

Wahrnehmen und ändern

Ausgearbeitet wurde es von der Diplom-Shiatsu-Praktikerin Monika Sandholzer, eingeführt von Sabine Fend-Micheluzzi. „Ich gehe selbst zum Shiatsu und dachte irgendwann, das könnte auch meinen Schülern gut tun“, erzählt die Pädagogin. Shiatsu en el Punto soll ihnen helfen, sich selbst und die anderen bewusster wahrzunehmen und mit Aggressionskräften besser umzugehen. Die bislang gemachten Erfahrungen belegen die Wirkung.

Wahrnehmen, akzeptieren und dadurch verändern: Das ist es, was Shiatsu en el Punto (auf den Punkt) erreichen möchte. Dazu hat Monika Sandholzer eine Reihe von verschiedenen Übungen zusammengestellt, bei denen sich die Jugendlichen mit sich und ihrem Gegenüber gleichermaßen befassen müssen. „Was ist euch heute an eurem Schulkameraden positiv aufgefallen?“, fragt Sandholzer da beispielsweise in die Runde. Alle überlegen sie, und letztlich scheint es gar nicht so schwer, etwas Gutes am anderen zu finden. „Mein Freund hat viel gelacht“, sagt ein Bub. Und ein Mädchen verrät über ihr vis-à-vis: „Sie war den ganzen Tag fröhlich.“ So weicht die Anspannung des Schultages einer wohligen Lockerheit. „Die Kinder verändern sich, sie werden aufmerksamer, auch den anderen gegenüber“, erklärt Monika Sandholzer den Mechanismus, der sich durch solches Tun entwickelt. Sabine Fend-Micheluzzi bestätigt: „Es gibt eine ganz neue Qualität des Umgangs miteinander in der Klasse. Jeder Schüler hat seinen Platz, egal, was und wie er ist.“

Dabei war die Ausgangssituation alles andere als leicht. Kinder aus drei verschiedenen Kontinenten und noch mehr Nationen mit unterschiedlichsten familiären sowie kulturellen Hintergründen mehrere Stunden am Tag im selben Raum und alle mit Leistungsdruck konfrontiert: Das provozierte trotz bester Bemühungen oft enorme Stau- und Aggressionspotenziale.

Deshalb entschloss sich Sabine Fend-Micheluzzi, mit Shiatsu en el Punto ein Zeichen für die Integration zu setzen. Direktor Dietmar Büchel genehmigte das Vorhaben sofort. Trotz Freiwilligkeit nahmen alle Schüler daran teil. Im vergangenen Schuljahr wurde es nur einmal, am Schulschluss, durchgeführt. Heuer gibt es, verteilt über das Schuljahr, fünf Termine.

Emotionale Entladung

Zu den Übungen, die Monika Sandholer für Shiatsu en el Punto kreierte, gehören auch gegenseitige Berührungen. „Sich berühren lassen, schafft eine gute Atmosphäre“, begründet Sandholzer, die selbst Lehrerin war. Gleichzeitig sorge das Ausstreichen und Abklopfen für emotionale Entlastung. Diese Übung steht auch am Schluss von zwei durchaus anstrengenden Stunden. Denn immer wieder äußert sich das Temperament der Jugendlichen in Geplapper, Gelächter und Unaufmerksamkeit. Doch zu guter Letzt sind sie alle ruhig und entspannt. „Ein Werkzeug für den Alltag“, nennt Sabine Fend-Michaeluzzi das, was ihren Schülern durch das Projekt an die Hand gegeben wird. „Sie wissen jetzt, dass sie selbst etwas ändern können, wenn sie es denn wahrnehmen.“

Stichwort

Shiatsu ist eine in Japan entwickelte Form der Körpertherapie. Am Anfang des 20. Jahrhunderts wurden verschiedene Formen der energetischen Körperarbeit und manuelle Behandlungsmethoden kombiniert und unter dem Namen Shiatsu vereint, um sich von den reinen Entspannungsmassagen abzugrenzen. Wörtlich übersetzt bedeutet Shiatsu „Fingerdruck“, die Behandlung umfasst aber weit mehr: Zur Berührung wird der ganze Körper eingesetzt. Dem Shiatsu wird auch ein positiver Einfluss auf die inneren Organe des Menschen nachgesagt. Beim Shiatsu wechseln Anspannung und Entspannung der Muskeln. Allgemein soll Shiatsu für eine harmonisiertere Lebensenergie sorgen.