Der Mörder und der liebe Gott

01.11.2015 • 17:09 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Torsten Hartung: „Ich fühle mich nicht mehr schuldig.“ Foto: PRivat
Torsten Hartung: „Ich fühle mich nicht mehr schuldig.“ Foto: PRivat

Torsten Hartung über seine Wandlung vom Mörder zum Menschenretter.

Schwarzach. (VN-ger) Torsten Hartung war der Kopf einer der größten Autoschieberbanden Europas. Er machte Geschäfte mit der Russen-Mafia, bestach Polizei und Zulassungsstellen. Als ein Komplize versuchte, ihm die Führungsposition streitig zu machen, tötete er ihn. 1992 wird der Deutsche schließlich von Interpol verhaftet, verbringt 15 Jahre im Gefängnis, fünf davon in Einzelhaft und wird zum Christ. In seinem Buch „Du musst dran glauben: Vom Mörder zum Menschenretter“ und im VN-Interview erzählt Hartung von seiner Wandlung vom „Saulus zum Paulus“. Auf Ein­ladung von Ethiklehrer DDDDr. Günter Pichler aus Dornbirn ist der verurteilte Mörder in dieser Woche für zwei Vorträge zu Gast in Vorarlberg.

Mit welchen Gefühlen denken Sie heute an Ihre kriminelle Vergangenheit zurück?

Hartung: Naja, sie ist Teil meiner eigenen Geschichte, ein Teil meines Selbst, und ich lehne sie nicht ab, denn ich kann es eh nicht rückgängig machen, sondern es gehört zu mir, und letztendlich befähigt mich die Aufarbeitung meiner eigenen Geschichte dazu, die Dinge zu tun, die ich jetzt tun darf.

Sie sagen über sich selbst: „Ich habe in meinem ganzen Leben keinen bösartigeren Menschen kennengelernt als mich selbst.“ Dann hatten Sie in der Zelle ein Gotteserlebnis und sind auf die „gute Seite“ gewechselt. Wo ist die kriminelle Energie hin, die Sie damals getrieben hat?

Hartung: Diese Fähigkeit, die ich in meinem kriminellen Leben eingesetzt habe, man kann es auch als Energie oder Kraft bezeichnen, ist nach wie vor vorhanden, nur hat sie damals offensichtlich das falsche Ziel gehabt, nämlich Egoismus, Hass, Lieblosigkeit. Jetzt haben die gleichen Dinge die richtige Richtung, indem sie sich auf das Du ausrichten und sich bemühen in der Fragestellung: „Was ist es, das ich Gutes tun kann in der Begegnung mit jedem einzelnen Menschen?“

Das heißt, diese Bösartigkeit steckt nach wie vor in Ihnen?

HArtung: Der Erkenntnisprozess meiner Bösartigkeit bezog sich auf meinen Lebenslauf vor diesem Bekehrungserlebnis. Das war schon eine heftige Nummer, tatsächlich zu sehen, dass meine Handlungsweisen nicht der Liebe entsprachen. Und das hat sich natürlich verändert. Ich habe sicher immer noch Fehlneigungen, da wird Ihnen sicherlich meine Frau einiges darüber berichten können, weil wir ja nicht perfekt sind. Aber ich bin einfach gewillt, an diesen Auffälligkeiten zu arbeiten, mit der Absicht, ein noch besserer Mensch zu werden, als der, zu dem Gott mich jetzt schon gemacht hat.

Sie führen die Ursachen für Ihr Gewalt- und Aggressionspotenzial auf Ihre gewalttätigen Eltern zurück. Ist das nicht ein bisschen zu einfach?

Hartung: Es wird ja kein Mensch genetisch vorbelastet mit der Bestimmung ein Mörder zu werden, geboren. Sondern da passieren seelische Verletzungen, die sich im Verhaltensmuster ausdrücken. Es ist einfach auch noch mal ein Vorführen dessen, wie wichtig Beziehungsgeflechte beim Aufwachsen sind, ob das Kind da positiv verstärkt oder eben kleingemacht wird durch negative Impulse. Letztendlich schließt es natürlich nicht meine eigene Verantwortung und meine eigene Entscheidung aus, dass ich ungefähr im zehnten Lebensjahr gesagt habe: Ich werde nicht mehr Opfer sein, sondern ich werde Täter sein. Das ist meine Verantwortung. Das davor war die Verantwortung meiner Eltern, wo ich sagen würde, sie wollten diese Dinge eigentlich nicht tun, haben sie aber einfach nicht anders gelernt.

Wie wäre Ihr Leben verlaufen, wenn Sie nicht verhaftet worden wären?

Hartung: Ich denke, ich wäre schon tot und ein paar andere auch. Wenn man in diesen Kreisen lebt, dann muss man davon ausgehen, dass das Böse das Böse frisst. Das heißt, irgendeiner wäre dann scharf gewesen auf das Geschäft oder auf die Position. Es ist ja eigentlich ein ständiger Kriegszustand in diesem Milieu. Da gibt es keine Freunde, da gibt es nur Geschäftsleute, die Dinge abwickeln und Geld machen wollen.

Fühlen Sie sich noch schuldig?

Hartung: Nein, das tue ich nicht.

Gott hat Ihnen Ihrer Meinung nach also verziehen?

Hartung: Ja, selbstverständlich. Ich könnte dieses Leben gar nicht so führen, wie ich es führe, wenn Gott mir das nicht vergeben und vor allem das auch signalisiert hätte. Das war eine wichtige Frage für mich: Hast du mir all meine Schuld vergeben? Denn ich war kein kleiner Sünder. Gott hat explizit darauf geantwortet. Der Friede der in mir ist, ist ja nichts anderes als ein Zeichen dafür, dass es eine Realität ist, die mich begleitet seit diesem Tag.

Haben Ihnen auch die Hinterbliebenen des Mordopfers verziehen?

Hartung: Das kann ich nicht beantworten. Ich habe zwei Mal Anlauf genommen, um mit ihnen Kontakt aufzunehmen, um ihnen einfach zu sagen, dass es mir leid tut und um mich zu entschuldigen. Sie haben das damals vor 15 Jahren abgelehnt. Wenn die mir gegenübersitzende Person das nicht möchte, dann habe ich das zu akzeptieren. Was letztendlich zählt, ist die Absicht.

Welche Frage wird Ihnen im Rahmen Ihrer Vorträge am häufigsten gestellt?

Hartung: Vergebung ist eigentlich das größte Thema. Denn für mein Dafürhalten kommt keiner durchs Leben, ohne verletzt zu werden, weil wir eben nicht vollkommen sind, das heißt uns Menschen haften Fehlneigungen an, also Unvollkommenheiten, die alle nicht der Liebe entsprechen, und die verletzen unser Umfeld. Deshalb ist auch das Thema Vergebung so wichtig. Es geht ja erst einmal darum, dass ich frei werden muss; das heißt, ich muss erst einmal meinen Eltern vergeben, was die mir angetan haben. Da war ich natürlich an einem Punkt, wo ich zu Gott gesagt habe: Wie soll ich ihnen das vergeben: Meine Mutter wollte sich vor mir erhängen, als ich sieben war, und mir die Schuld geben. Mein Vater wollte mich totschlagen, da war ich zehn. Und da antwortete Gott, indem er sagte: Schaue nicht auf das Tätersein deiner Eltern dir gegenüber, sondern schau auf ihr eigenes Opfersein. Was muss denn in der Geschichte meiner Eltern vorgefallen sein, dass sie ein so auffälliges Verhalten den eigenen Kindern gegenüber an den Tag legen? Das setzt dann auch eine Form der Empathie frei und Mitleiden. Mitleid ist ja nichts anders als eine Form der Liebe, und da hatte ich dann auch Frieden gefunden.

Heute kümmern Sie sich ehrenamtlich um straffällig gewordene Jugendliche. Welche Rolle spielt dabei Gott?

Hartung: Für mich eine ganz große, für die Aufgenommenen eher weniger. Die einzige Voraussetzung, um bei uns aufgenommen zu werden, ist der gute Wille zu einem anderen Leben, also wirklich eine Willensentscheidung; dann geben wir diesem Menschen auch alle Möglichkeiten an die Hand, die uns Gott zur Verfügung stellt, auf dass es gelingt, dass er Beziehungsfähigkeit,  Verantwortungsfähigkeit, Liebesfähigkeit erlernen kann. Für mich spielt Gott natürlich eine große Rolle, weil diese Veränderung, das ist ja die eigentliche Botschaft auch an die Jugendlichen, die habe nicht ich herbeigeführt, sondern ich bin zutiefst erschüttert worden nicht nur durch die Erkenntnis, sondern auch durch die daraus resultierende Gewissheit, dass es Gott gibt, und das ist eine heftige Nummer.

Termine

Torsten Hartung – „Vom Mörder zum Menschenretter“

» Mittwoch, 4. November 2015,
19 Uhr, HAK Lustenau

» Donnerstag, 5. November 2015, 19.45 Uhr, Kulturhaus Dornbirn

» Eintritt: 6 Euro, Vorverkauf bei Dornbirn-Tourismus und an der Abendkasse