„Diese Beträge sind marginal“

02.11.2015 • 19:13 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Heinz Schoibl (r.) während eines Interviews mit einem Roma in Salzburg. Foto: Helix
Heinz Schoibl (r.) während eines Interviews mit einem Roma in Salzburg. Foto: Helix

Experte sagt, Vor-Ort-Unterstützung bringe den Roma nur in großem Rahmen etwas.

Schwarzach. Heinz Schoibl erstellte vor zwei Jahren für die Stadt Salzburg einen Bericht über die Bettlersituation. Im Zuge dessen führte er zahlreiche Interviews mit Notreisenden. Im Interview erzählt Schoibl, weshalb Bettler hier sind, warum eine Mafia ökonomisch keinen Sinn macht und was er vom angedachten Bettelverbot mit Kindern hält. Am Mittwoch ist Schoibl beim VN-Stammtisch zu Gast.

Müssen wir uns an den Anblick von Bettlern im aktuellen Ausmaß gewöhnen?

Schoibl: Ja. Die Rahmenbedingungen für ethnische Minderheiten in Bulgarien, Rumänien und der Slowakei sind weiterhin sehr schlecht. Deshalb werden viele Menschen keine Alternativen finden als zu versuchen, im reicheren Westen Geld für den Lebensunterhalt zu lukrieren.

Was heißt Lebensunterhalt?

Schoibl: Sie versuchen, das Überleben ihrer Sippe, ihrer Kinder zu sichern. Sicherzustellen, dass die Kinder in die Schule gehen können. Die Menschen wohnen zum Teil in richtigen Ghettos, ohne Anbindung zu einer Schule.

Die Städte, aus denen die Roma stammen, befinden sich doch im Aufschwung?

Schoibl: Sibiu war sogar Kulturhauptstadt.

Profitieren die Roma nicht auch davon?

Schoibl: Die Roma wohnen nicht direkt in diesen Städten, sondern in Randgebieten. Das sind Slums in Reinkultur. Viele kommen aus einem Vorort von Pitesti, direkt im Überschwemmungsgebiet eines kleinen Baches. Pitesti ist eine große Stadt im Aufschwung, die Roma im Vorort spüren davon überhaupt nichts. Sie haben nicht einmal Trinkwasser. Die Standortentwicklung Rumäniens geht an ihnen vorbei.

Warum ist das so?

Schoibl: Warum gibt es Rassismus? Warum gibt es Diskriminierung? Warum gibt es Ausgrenzung ethnischer Minderheiten? Fakt ist, das gibt es.

Bei Roma denken viele an ein Wandervolk mit Wohnwagen. Stimmt dieses Bild?

Schoibl: Das Klischee gibt es eigentlich nicht mehr. Es kommen nur Teile einer Roma-Familien nach Österreich, der Rest bleibt zu Hause. Das ist eine arme Bevölkerung, die Strategien zur Armutsbewältigung entwickelt hat. Andere arbeiten als Alteisensammler oder Tagelöhner.

Die Roma sind also kein Reisevolk?

Schoibl: Die Reisenden mit schönen Wohnwagen im Konvoi gibt es auch noch. Das sind fahrende Händler. Also eine ganz andere Gruppe und nicht vergleichbar.

Wie kommen die Bettler nach Österreich?

Schoibl: In Salzburg habe ich den Roma diese Frage gestellt. Die Hälfte kommt mit dem Auto, das irgendwer aus der Nachbarschaft besitzt. Dann fahren sie zu fünft, oder mit einem Kleinbus zu zehnt, nach Salzburg. Sie nächtigen auch in diesem Gefährt. Die andere Hälfte kommt mit den internationalen Buslinien.

Steckt keine Bettlermafia dahinter, die Roma herkarrt?

Schoibl: Ich kann es nicht ausschließen, aber bei meinen Recherchen habe ich bisher keinen Anhaltspunkt gefunden. Es gibt interne Ausnutzungsstrukturen, kleinere Geschichten. Jemand, der vorher selbst betteln war, ist draufgekommen, dass es sich lohnt, wenn er zwei oder drei andere für sich betteln lässt. Aber das ist keine Bande, schon gar keine Mafia.

Macht eine Bettlermafia überhaupt Sinn?

Schoibl: Ich kann mir das nicht vorstellen. Geld macht man mit anderen Dingen. Menschenhandel, Sexarbeit, Arbeitssklaven, Drogen. Aber mit Betteln? Da müsste man Tausende Menschen schicken. Mir kommt das ökonomisch falsch vor, die erbettelten Beträge sind marginal.

Über welche Beträge reden wir?

Schoibl: Wir haben das Tagessalär abgefragt. Dieses bewegt sich im Schnitt zwischen fünf und zehn Euro.

Bleibt abzüglich Verpflegung überhaupt etwas übrig?

Schoibl: Nicht viel. Nach ein paar Tagen kommen 50 Euro zusammen. Einer aus der Gruppe reist in die Heimat, die anderen geben ihm das Geld in Kuverts mit, für die Familien zu Hause. Dafür hungern sie hier.

Sie hungern?

Schoibl: Das haben welche dezidiert zu mir gesagt: Wir gehen lieber hungrig ins Bett, dafür haben die zu Hause etwas. Bett unter Anführungszeichen.

Werden Kinder zum Betteln missbraucht?

Schoibl: Dass Kinder dezidiert zum Betteln eingesetzt werden, konnte ich bisher nicht beobachten. Was sicher vorkommt, ist, dass jemand das Baby einer anderen in der Hand hat, um Mitleid zu wecken. Grundsätzlich ist die Eltern-Kind-Beziehung sehr eng und warmherzig. Viele haben keine andere Möglichkeit, als die Kinder mitzunehmen. Sonst könnten die Frauen selbst nicht betteln.

In Vorarlbergs Politik wird diskutiert, ob den Roma die Kinder weggenommen werden sollen. Ein richtiger Schritt?

Schoibl: Wenn man sich ansieht, wie die Kinder in ihrer Herkunftsregion leben, sehe ich wenig Unterschied zur Situation hier. Kindesentzug bringt den Kindern nichts Gutes und den betroffenen Eltern nichts Gutes. Man muss jeden Fall prüfen, ob das Kindeswohl gefährdet ist. Wichtiger wäre es, Armut zu bekämpfen. Denn Armut gefährdet das Kindeswohl.

Die Landesregierung will Betteln mit Kindern verbieten.

Schoibl: Es macht Sinn, zu verbieten, dass man Kinder dazu zwingt. Das heißt Ausnutzen eines Abhängigkeitsverhältnisses und steht bereits im Strafgesetzbuch. Aber dass Mütter ihre Kinder nicht mehr mitnehmen dürfen, macht die Situation für Kinder und Mütter schwieriger, ohne dass es jemandem etwas bringt.

Wie könnte die Armut bekämpft werden? Vor Ort?

Schoibl: Struktur- und Aufbauprogramme für die Region würden helfen. Da ist die EU gefordert.

Dornbirn will, dass die Bevölkerung Geld spendet, statt in die Becher der Bettler zu werfen. Damit werden Projekte in Rumänien unterstützt. Meinen Sie so etwas?

Schoibl: Leider nein. Es ist wichtig, dass einzelne Projekte gefördert werden. Aber das ist weit weg von Strukturentwicklung. Und jeder Cent, der direkt gegeben wird, hat einen unmittelbaren Effekt auf die Armutslinderung.

Sie hungern lieber, damit die Familie zu Hause etwas hat.

Heinz Schoibl

Zur Person

Dr. Heinz Schoibl

Privates Forschungsinstitut „Helix Forschung und Beratung“, Salzburg

Ausbildung: Studium der Psychologie und Politikwissenschaft

Laufbahn: Soziale Arbeit – Wohnungslosenhilfe (1979-89); Institut für Alltagskultur (1990-96); seit 1997 Gesellschafter von Helix OG; Österreich-Korrespondent im European Observatory on Homelessness, FEANTSA (Brüssel) 1998-2007